Mittwoch, 23. Januar 2008

Drachenläufer

Amir ist zwölf Jahre alt und lebt 1978 in Kabul, Afghanistan. Meist schlägt er die freie Zeit mit seinem besten Freund Hassan beim Drachen steigen lassen und Geschichten erzählen tot. Hassan lebt mit seinem Vater auf dem Anwesen von Amirs Vater, der dessen Herr ist. Amirs Vater hat sehr genaue Vorstellungen von einem moralisch gefestigtem Lebenswandel und ist recht wohlhabend, sodaß sie sich einen großzügigen Lebensstil erlauben können. Regelmäßig nehmen die Freunde an den Drachenwettbewerben teil, bei denen der gewinnt, dessen Drache am längsten in der Luft bleibt. Amir gewinnt einen dieser Wettbewerbe und Hassen läuft los um seinem Freund den gewonnenen Drachen zu bringen. Als Hassan nicht wieder kommt folgt Amir ihm durch die Gassen und muss mitansehen, wie die älteren Jungs Hassan verprügeln und vergewaltigen, weil er Amirs Drache beschützt und einer Minderheit angehört. Beschämt über sich selbst, weil er nicht den Mut aufgebracht hat Hassan zu helfen, entfernt sich Amir immer weiter von ihm. Als dann im Dezember 1979 die Sowjets in Kabul einmarschieren und Amir mit seinem Vater nach Amerika flieht, glaubt er nie wieder von Hassan zu hören.

Um die Jahrtausendwende erreicht Amir ein Brief von Hassan und er muss erfahren, dass ihm etwas zugestossen ist. Damit beginnt für Amir eine Odysse durch das "neue" Afghanistan, auf der Suche nach Hassans Sohn, den er vor den Taliban retten will. Dabei muss er mit ansehen wie Kriege, Sowjetherrschaft und die Diktatur von Mullahs und Taliban seine einst schöne Heimat verändert haben. Doch so sehr er Angst hat, weiss Amir, dass er nun nicht wieder fortlaufen kann...

"Drachenläufer" ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Khaled Hosseini, der in dieser Geschichte auch einige autobiographische Erlebnisse aufarbeitet. So ist er beispielsweise wie Amir in die USA emigriert und Schriftsteller geworden. Marc Forster (Stay, Monsters Ball) zeichnet für die Umsetzung verantwortlich. Feinfühlig und ohne erhobenen Zeigefinger nimmt er sich des Stoffes an, der von einer Kultur handelt, die uns vollkommen fremd ist. Wann immer religiöse Rituale oder gesellschaftliche Traditionen gezeigt werden versteht es Forster die Bilder mit den Augen eines Kindes - unvoreingenommen und meist fasziniert - einzufangen. Der Film wirkt durchweg so, als hätte ein Landsmann Hosseinis sich der Verfilmung angenommen für den all das vollkommen normaler Alltag ist. Zudem ist "Drachenlläufer" weitgehend in der Landessprache Afghanistans gedreht. Ein mutiger Schritt, da Forster damit auf einen guten Teil des englischsprachigen Publikums verzichtet. Untertitel sind nunmal nicht jedermanns Sache. In Deutschland wurde bis auf wenige Stellen alles übersetzt und synchronisiert.

Dennoch zeigt Forster auch deutlich auf, wie besonders die Taliban dieses Land und dessen Volk missbraucht haben. Die Infrastruktur ist komplett zerfallen, Mißtrauen, Angst und Hass regieren das Leben. Täglich finden Steinigungen oder Erschiessungen im Fußballstadion statt, um die Afghanen auf Linientreue und Scharia einzuschwören. Zudem ist die Landschaft, die in den Siebzigern noch deutlich mehr Baumbestand aufwies, immer mehr zu einer Wüste geworden.

Die Bilder 2000 und von 1978 stehen somit in starkem Kontrast zueinander. Sowohl von der Landschaft her, als auch was sie für ein buntes, geselliges und aufgeschlossenes Treiben in Amirs Kindheit demonstrieren. Dieser Wandel spiegelt sich auch in der Figur des Amir wieder, der nach der Emigration eher zurückhaltend, still und eingeschüchtert sein Leben beschreitet und sich nach langer Zeit auf den Weg macht um ein anderer Mensch zu werden; ein Mensch, der für eine wichtige Sache einsteht und auch die Kraft aufbringen kann endlich sich selbst zu vergeben.

Forster beschert uns einen wunderbaren, wenn auch sehr ruhigen Film, über bedingungslose Freundschaft, die Zeit und Entfernung überdauern vermag. Und dies sind letzenendes Filme über wahre Liebe.

9 von 10 Lenkdrachen

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