Dienstag, 22. Januar 2008

Für ein paar Dollar mehr

Der Namenlose Fremde ist zurück. Clint Eastwood ballert sich wieder stilvoll durch den Wilden italienischen Westen. Und diesmal ist Lee van Cleef an seiner Seite, der in den 50ern in vielen amerikanischen Western zu sehen war und hier die Figur Colonel Mortimer mimt.

Der haschrauchende Indio wird von seiner Bande aus seiner Zelle befreit. Sofort schmiedet er Pläne für einen spektakulären Bankraub. Er will die am sichersten bewachte Bank knacken. Mortimer und der Namenlose Fremde sind zwei Kopfgeldjäger, die ihm auf der Spur sind und deren Wege sich dabei kreuzen. Als beide erkennen müssen, dass sie sich ebenbürtig sind, verbünden sie sich um Indios Bande das Handwerk zu legen. Währenddessen treibt Indio auf seinen Trips zwischen Traumwelten und der Wirklichkeit hin und her und führt seine Männer ins sichere Verderben.

"Für eine handvoll Dollar" schlug ein wie eine Bombe. Zumindest in Europa.

Hier greift dann das oberste Gesetz Hollywoods: wenn ein Film erfolgreich ist, ist er es wert eine Fortsetzung zu bekommen, auf dass er noch mehr Geld in die Kassen spiele, hugh!

So drehte Sergio Leone dann auch direkt im folgenden Jahr, also 1965, "Für ein paar Dollar mehr". Bis auf wenige Neuzugänge hatten sich fast alle aus dem Vorjahr wieder versammelt. Durch den großen Erfolg konnte Leone diesmal jedoch deutlich mehr Budget aushandeln. 600.000 Dollar standen ihm zur Verfügung.

So fällt zu Beginn des Films auch genau dieses gesteigerte Budget auf. Die Kulissen sind größer geworden, sehen viel stabiler aus (sogar stabiler als in amerikanischen Western zu dieser Zeit), da man Städte komplett aufbaute, das Bild ist sehr viel klarer und die Farben etwas kräftiger. Sogar die Einstellungen sehen etwas sauberer gefilmt aus, was daraus herrühren mag, dass man auch mit mehr Ruhe am Film arbeiten konnte. Dennoch ist die Optik immer noch dreckig, verwaschen und steht im starken Kontrast zu den amerikanischen Pendants. Zudem ist er fast zehn Minuten länger als der Vorgänger. Leone wird mit jedem neuen Film weiter an der Budget- und Spielfilmdauerschraube drehen, um seine extrem langgezogenen Einstellungen unterbringen zu können.

Ein Beispiel: während des Vorspanns kommt ein Mann in der Ferne ins Bild geritten. Es vergehen fast eineinhalb Minuten, bis man einen Schuss hört, und die ferne Gestalt vom Pferd fallen sieht. Viel Zeit lässt er sich auch wieder bei den Duellen, die dieses Mal noch ausgereifter durchchoreografiert sind. Die Kamera fängt extreme Nahaufnahmen ein und wechselt von einem Akteur zum anderen. Die Musik schwillt an, die Spannung steigt, die Kamera rückt noch etwas näher heran, zeigt immer noch abwechselnd die Duellisten, ein Blick zur Waffenhand, die Augen ganz nah, die Musik erreicht ihren Höhepunkt, die Waffen werden gezogen... und das wars. Mit diesen Vorspielen grenzt sich Leone von seinen Vorbildern ab, die nur die Schüsse zeigen. Schnelle Action liegt ihm nicht.

Mit seinem neuen Werk bricht Leone wieder einige Tabus, die beispielsweise in England zur Zensur des Films führen. Da wäre unter anderem die Vergewaltigungsszene, dass die Gangster sich an ihren Gewalttaten ergötzen und dabei lachen, dass der verrückte Anführer der Outlaws, auf eine Leiche schiesst oder der Tatsache, dass man gleichzeitig ohne Schnitt sieht wie geschossen und gestorben wird. Zuvor war es so, dass man die Pistole und den Schuss sieht, dann in einer neuen Einsellung fällt jemand tot um. Und dies soll auch der erste Film sein, in dem eine Figur Marihuana raucht.

"Für ein paar Dollar mehr" hat eine eigene Geschichte bekommen, die nicht einfach adaptiert wurde, obwohl zahlreiche Querverweise auf andere Western vorhanden sind. Zudem ist dies das erste Mal, dass Lee van Cleef die Haupt- und eine Sprechrolle bekommen hat. Der später in Europa sehr erfolgreiche Darsteller ist eine echte Bereicherung für den Film. Denn wie Eastwood überzeugt er mit der entsprechenden Leinwandpräsenz, die den Zuschauer bei der Stange hält. Insgesamt verlässt sich Leone nun mehr auf die Geschichte und weniger auf schnell aneinandergrereihte Actionszenen. Zudem wurde die Bildsprache intensiver. Beispielsweise haust die Bande in einer verlassenen Kirche, in der gemordet wird und der perfide Plan die Bank auszurauben von Indio von der Kanzel herunter gepredigt wird. Zusätzlich umgibt er zum ersten Mal einige der Figuren mit einem undeutlich erkennbaren Geheimnis, das er immer erst zum Ende seiner Filme lüften wird. Was, verrate ich an dieser Stelle nicht.

Mit den extremen Close Ups auf die Gesichter - ein Stilmittel, das Quentin Tarantino für seine Kill Bill Filme als Hommage auf Leone, wieder aufgreifen wird -, Gesichter in denen jede Unreinheit zu sehen ist, hält ein weiteres Merkmal für typische Leone Filme Einzug. Die Gesichter der Menschen in seinen Filmen sind nicht schön, dafür aber interessant anzusehen. Es sind verlebte Gesichter, deren Furchen um die Augen und Mund, die Narben auf den Wangen, und die Stirnfalten ihre eigenen Geschichten erzählen. In diesen Momenten braucht Leone meist nur wenige Worte. Die Gesichter ersetzen den Dialog (Unbedingt auf die Mimik von Klaus Kinski achten, wenn er mit sich selbst ringt, als er Colonel Mortimer am liebsten erschiessen würde. Einfach köstlich).

Zusätzlich bringt Leone endlich deutlich mehr Humor mit in die Geschichte ein. Das geht von seinen abschätzigen Darstellungen von unfähigen Beamten, dummen Hoteliers und feigen Sheriffs zu klasse One-Linern für Clint Eastwood. Als der Namenlose am Ende die Leichen der Bande durchzählt und die Kopfgeldsumme addiert, merkt er, dass etwas nicht stimmt. Er dreht sich um und erschiesst einen weiteren Banditen, der sich hinter ihm aufgebaut hat. Mortimer, der in den Sonnenuntergang reitet, wie ein typischer amerikanischer Westernheld, dreht sich noch einmal fragend um und Clint antwortet: "Die Rechnung war nicht ganz aufgegangen!"

Während "Für eine handvoll Dollar" eine Übung für Leone und sein Team war, erschuf er mit "Für ein paar Dollar mehr" seinen ersten Meilenstein, der auch dementsprechend an den Kinokassen gewürdigt worden ist.

Wie alle diese Elemte schließlich im Finale der Dollar Trilogie ihren Höhepunkt erreichen, und was Metallica mit Leone zu tun hat, könnt ihr demnächst zu "Zwei glorreiche Halunken" lesen.

8 von 10 Taschenuhren

PS: es gibt beide Filme in einer Sammelbox, die in einem stabilen Pappschuber verkauft werden.

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