Montag, 21. März 2011

Der doppelte Norton


Nein, ich rede nicht vom Norton Commander aus DOS Zeiten, sondern von Schauspieler Edward Norton (Fight Club, American History X, Tötet Smoochy). Der darf sich in Tim Blake Nelsons Film von 2009 sogleich in einer Doppelrolle versuchen, und zwar als die beiden eineiigen Zwillinge Brady und Bill Kincaid.



Bill ist Uni-Professor für Philosophie und in seinem Fach sehr erfolgreich. Die Karriere läuft gut, die Studenten mögen ihn - manche mehr als für ihn gut ist - dafür ist er privat sehr einsam. Sein Bruder Brady hingegen hat eine schwangere Frau (Melanie Lynskey; Detroit Rock City, Two and a half men), Freunde und ist ein sehr geselliger Typ. Sein Problem: er baut in seinem eigenen hydroponischen Garten Marihuana an; das auch sehr erfolgreich, allerdings kostete der Bau des Gartens sehr viel Geld. Das hat er sich von den falschen Leuten geliehen. Um dieses Problem aus der Welt zu schaffen, braucht er ein Alibi.
Da kommt ihm sein Zwillingsbruder gerade recht. Zwischen den beiden herrscht jedoch Funkstille und so täuscht er seinen eigenen Tod vor, um Bill nach Oklahoma zurück zu locken. Bill soll einen Tag lang Bradys Double spielen, während dieser sich mit dem Drogenbraron Tug Rothbaum trifft (Richard Dreyfuss, Stand by me, Zoff in Beverly Hills, Der Weisse Hai). Dummerweise laufen gerade die so einfach klingenden Ideen nie nach Plan...

Bill und Brady sind zwei Extreme auf der Messlatte des Lebens. Der eine stoisch, zurückgezogen, stets Maß haltend, auf die Karriere bedacht; der andere exzessiv, verschwenderisch und lebt ohne große Pläne in den Tag hinein. Beides wird überzeugend von Ed Norton dargestellt. Die Synchronisation transportiert den Ton des im Original von sauberem Englisch ins Hillbilly-Slang wechselnden Darstellers, sehr gut durch eine verwaschene Ausprache, aber ich empfehle jedem zwischendurch in den Originalton zu schalten. Dann kommt der Unterschied zwischen den entfremdeten Brüdern noch besser zur Geltung.


Überhaupt gehören die Szenen, in denen Ed mit sich selber spielt (nennt man das schauspielerische Masturbation?!) zu den besten des Films. Obwohl beide Figuren ihre Probleme und Konflikte mit sich herum tragen, funktioniert die Kommunikation sehr gut und bietet den einen oder anderen humorvollen Höhepunkt. Hierzu steuert Regisseur und Darsteller Tim Blake Nelson (O Brother, where art thou?!, The Big White, Incredible Hulk) auch einiges bei. Nelson nimmt man den Hinterwäldler ab ohne das auch nur einen Moment zu hinterfragen.  

Wenn man "Leaves Of Grass" etwas vorwerfen möchte, dann vielleicht, dass der Beginn des Films ein wenig zu apathisch wirkt und man sich im Verlauf immer wieder fragt: was will der Regisseur eigentlich bieten? Komödie? Drama? Liebesgeschichte? Tragödie oder gar eine Farce? In seiner Mischung ist LoG sicherlich ein gutes Abbild des echten Lebens, das alle diese Facetten bietet.
Trauer, Liebe, Sehnsucht, Wahnsinn, Glück und Schmerz... und das manchmal sogar alles in ein und dem selben Moment.
Es mag Geschmacksache sein, aber mir ist diese Mischung hier zu inkonsistent geraten. Teilweise nicht Fisch noch Fleisch, rettet hauptsächlich das sehr gelunge Spiel der Darsteller den arg konstruierten Plot und hält den Zuschauer bei der Stange.

"Leaves Of Grass" ist beileibe kein schlechter Film. Handwerklich in Ordnung, schauspielerisch sehr gut, frei von Schmerzen verursachenden Dialogen, ist es lediglich die Gratwanderung zwischen den Genres und Extremen, die ich Nelsons Regiearbeit irgendwie nicht ganz abnehmen kann.

Norton Fans müssen den Film sowieso sehen, Liebhaber von Kifferfilmen und Klamauk sollten die Finger hiervon lassen. Alle, die sich vom Grundszenario angesprochen fühlen, machen aber keinen Fehler 100 Minuten in "Leaves Of Grass" zu investieren.

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