Mittwoch, 11. Januar 2017

Das Putzig-Syndrom


Noch ziemlich benommen und äußerst ratlos wacht ein kleiner Junge in einer Höhle auf. Er kann sich weder erinnern wie er an diesen Ort gekommen ist, noch von wem diese seltsamen Zeichen stammen, die plötzlich überall auf seinem Körper zu sehen sind. Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Neben ihm liegt eine vor Schmerzen jammernde geschundene Kreatur, ein Mischwesen mit Vogelartigen Beinen, Gefieder, einem langen buschigen Schwanz, Hörnern und einem Hundeähnlichen Kopf. Der Junge erkennt, dass es sich um einen Trico handelt, eine Rasse, die berüchtigt dafür ist, auf Menschen Jagd zu machen. Tricos Leib ist von Speeren gespickt. Obwohl der Junge große Angst vor Trico hat und am liebsten direkt nach Hause Laufen möchte, hat er Mitleid mit dem Tier und beschließt ihm zu helfen. Der Junge ahnt nicht, dass dies der Beginn einer wundersamen Reise und einer Geschichte über wahre Freundschaft ist.


Bilder können nur bedingt einfangen wie toll Trico den Machern gelungen ist.

So viel zur Handlung von „The Last Guardian“, die auf dem Papier zugegebenermaßen nicht besonders innovativ erscheint. Dafür wird die Beziehung, die der Junge und Trico zueinander entwickeln, glaubhaft erzählt. Immer wieder geraten die beiden während Ihrer Flucht aus einem Labyrinth aus Ruinen in Situationen, in denen der eine auf die Hilfe des anderen angewiesen ist.  Das schweißt zusammen und schon bald agieren beide so selbstverständlich als Team,  als hätten sie nie etwas anderes in ihrem Leben getan. Im Laufe des Spiels klären sich die (wenigen) zu Beginn des Artikels gestellten Fragen. Zwar wird lediglich eine wenig überraschende Hintergrundgeschichte präsentiert, aber am Ende war ich seit langem mal wieder rundum zufrieden. Das Spiel wirkt nicht unnötig gestreckt, baut Spannung passend auf und hat sein Finale zum richtigen Zeitpunkt.  Die Geschichte fast gänzlich ohne Worte zu erzählen, gibt dem Spieler zudem mehr Interpretationsspielraum bezüglich Motivationen und Befinden der Figuren.

Die halbe Zeit klettert man auf dem Ungetüm herum

Das funktioniert hauptsächlich deshalb so gut, weil Trico mit einem sehr hohen Aufwand animiert wurde, damit er möglichst lebendig wirkt. Durch die Laute, die er von sich gibt, wird der Eindruck sogar noch verstärkt. Immer wieder ertappte ich mich dabei, das fiktive Wesen als gleichberechtigten Partner zum Jungen zu sehen, den man direkt steuern kann; quasi als zweiten Player im Spiel. Trico hat seinen eigenen Willen und besonders am Anfang, wenn sich die beiden noch nicht so gut kennen, muss man hoffen, dass das Tier auch das macht, was man von ihm verlangt. Trico erkundet selbständig die Ruinen, entfernt sich aber ungern zu weit vom Jungen.  Wenn man bspw. durch eine Kletterpassage außer Sicht gerät, wird er durchaus auch mal unruhig und jault oder beginnt nach dem Jungen zu suchen. Der Spieler ist nur in der Lage das Tier zu rufen oder grobe Kommandos zu geben, was mitunter etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. Jeder, der mal ein Haustier hatte, weiß wie erschreckend schwer von Capé Viecher sein können. Doch auch das klappte im zunehmendem Spielverlauf immer besser, sodass ich den Eindruck gewann, dass man Trico zumindest ein Stück weit trainieren kann. Beispielsweise muss man Trico anfangs deutlich länger nach einem Kampf wieder beruhigen, bis er sich irgendwann daran gewöhnt hat, und schneller wieder aus dem Aggromodus heraus kommt. 

Leider kann man die Tooltips nicht dauerhaft ausschalten

Während das Fabelwesen mit dem Jungen auf dem Rücken große Distanzen überbrücken und gegen Gegner kämpfen kann, gehört zu den Stärken des Jungen, dass er durch jeden noch so engen Tunnel kriechen, Schalter betätigen und die ominösen Glasaugen entfernen kann, vor denen Trico entsetzliche Angst hat. Den Gegensatz in den Köpergrößen spielt GenDesign voll aus und schickt das ungleiche Duo immer wieder in neue Areale, in denen man oft erst ein Rätsel lösen muss, um weiter zu kommen. Meist geht es um das Öffnen eines verschlossenen Tors, dem Beseitigen eines Hindernisses oder um das Finden von Nahrung für Trico.

Vegetation wird ebenfalls sehr schön dargestellt

Man konnte es schon zwischen den Zeilen durchschimmern sehen: „The Last Guardian“ ist kein Spiel für Menschen, die es allzu eilig haben. Dafür sorgt zum einen Trico, der sich so manches Mal wie ein störrischer Esel gibt und den Spieler ignoriert. Hin und wieder ist dies ein Hinweis darauf, dass man noch etwas an der Location zu erledigen hat, allerdings kommuniziert das Spiel das nicht immer.  Ein anderes Mal soll Trico ein Fass mit Nahrung futtern, bekommt es aber nicht richtig zu fassen. Meist nimmt man es in solchen Fällen einfach auf und hält es ihm hin. Das klappte bei mir jedenfalls immer. In einigen wenigen Situationen werden sich Hektiker vermutlich mehr als einmal in den Tod stürzen. Darum sollte man Ruhe bewahren. In aller Regel wird der Spieler nicht durch die Locations gehetzt und hat alle Zeit der Welt sich umzusehen.  

Richtet man einen Spiegel auf eine bestimmte stelle, feuert Tricos Schweif Blitze darauf ab

Definitiv ein Knackpunkt für einige Spieler wird die gelegentlich zickige Kameraführung und die etwas hakelige Steuerung sein. Wie bereits erwähnt wird man nicht mit Eile durch die Levels getrieben. Wenn die Kamera gerade meint einen seltsamen Winkel einnehmen zu müssen, sollte man einfach damit weiter machen, womit man gerade beschäftigt war. Meist justiert sie sich in einer Sekunde wieder neu. Meist tritt das Problem auf, wenn man sich durch enge Räume, Tunnel oder auf Tricos Rücken durch Höhlen bewegt. Hin und wieder macht allerdings auch der Junge nicht immer das, was von man ihm abverlangt. Aufgefallen ist mir das vor allem an steilen Abgründen. Ich hatte den Eindruck, dass die Engine immer dann, wenn die Entscheidung anstand: "Will der Spieler eher nach unten klettern oder gar springen oder wollte der Spieler auf dem schmalen Grat weiter laufen?" sich im Zweifelsfall immer für die zweite Variante entschied. Auch wenn man sich erst daran gewöhnen muss stehen zu bleiben, bevor man nach unten klettern will, hätte es mich deutlich mehr Nerven gekostet, wenn Junior alle 2 Sekunden den Adler gemacht hätte. 

Ich hätte einen Plan, was zu tun ist, aber Trico sieht sein Spiegelbild und will danach lieber ein Bad nehmen

Als letzter Punkt wäre da die Grafik. Ja, auch hier handelt es sich um ein zweischneidiges Schwert. Einerseits haben wir wundervolle Animationen und toll gerenderte Lichteffekte, aber die Geometrie und viele Texturen sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Was an der Stelle die Party rettet, ist das durchweg gelungene Artdesign, das wie bei "ICO" und "Shadow of the Colossus", den beiden Vorgängern von "The Last Guardian", auf verfallene, größtenteils verlassene Welten setzt. Ich stelle die wahrscheinlich gar nicht mal sooo gewagte These auf, dass der ursprünglich für die PS3 entwickelte Titel in zehn Jahren ungefähr so veraltet wirken wird wie heute; und das ist durchaus positiv gemeint.

Ruf seinen Namen und es kommt... meistens

Gespielt wurde auf der PS4 Pro in der 4K Auflösung und mit HDR, weshalb der eine oder andere Screenshot je nach Monitor etwas falsch ausgeleuchtet wirken mag. Gelegentlich traten kurze Framedrops auf, die aber nie zum Tod der Spielfigur führten oder sonstwie das Spielen selbst unmöglich gemacht hätten. Vielleicht schafft hier ein Update in Zukunft Abhilfe. 

Immer wieder springt man an Tricos Gefieder geklammert über Abgründe

Empfehlen kann ich den Titel all jenen, die mal wieder in fremde Welten abtauchen wollen, ein wenig Ruhe besitzen und nichts dagegen haben, wenn die Geschichte hauptsächlich durch das Leveldesign und über Gestik und Mimik der Figuren erzählt wird. Wer die Vorgänger mochte kann sowieso zuschlagen.

In solchen Situationen kann die Kamera Mucken machen

Kurzer Check von Trico: "Noch da, kleiner Mann?"
Immerzu hält Trico Ausschau nach dem Spieler

Jetzt bleibt nur darauf hoffen, dass Trico einen auffängt

Es gibt einige Kletterpassagen zu überstehen

Platz ist auf der kleinsten Säule...

Einer der Uncharted Momente, wenn einem die Levelbestandteile beim Klettern um die Ohren fliegen

Fang!

Trico ist sehr wasserscheu und muss erst zum Schwimmen überredet werden. Tauchen erfordert Geduld.

"Da rein, du feiger Hund!"

Im weiteren Spielverlauf agiert Trico immer selbständiger und sucht passende Wege.


Typische Situation: Trico wartet darauf, dass der Spieler den Weg frei macht.

Ruinen wohin man blickt

Zögerlich nur, will Trico folgen. Manchmal aus gutem Grund.



Meist geht es seeeehr tief runter

Immer, wenn man Glasaugen entfernen muss, schaut Trico ungläubig zu. Als wolle er sagen: "Du traust dich das wirklich?"

Trico fahr'n is wie wennste fliechst!

Oft müssen Objekte bewegt werden, um den Weg frei zu machen



Irgendwann lernt Trico statt der Blitze richtige Geschosse abzufeuern




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