Samstag, 7. Januar 2017

Pulpgeddon

Wir schreiben das Jahr 1944. Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange. Noch jedenfalls. Und um es kurz zu machen: für die Achsenmächte lief es nicht besonders gut. Dass Hitler noch eine Chance hatte das Ruder herumzureißen, war mehr als fraglich.

Dies war die Stunde einiger hochrangiger Nazis, die dem Okkultismus anhingen. Sie stellten allerlei absurde Theorien auf und führten verzweifelte Experimente durch, die helfen sollten wider besseren Wissens den Endsieg zu erringen. Eines Tages baten sie Grigori Jefimowitsch Rasputin um Hilfe. Der russische Mystiker hatte eigene Pläne, gab sich aber willfährig, um an die Ressourcen der Faschisten zu kommen. Mit ihren Mitteln beschwor er ein Monster in der Gestalt des Leibhaftigen. Zumindest in einer Version wie sie mit zwei Jahren ausgesehen haben könnte. Allerdings gelang es dem Dämon, sich der Kontrolle seines Meisters zu entziehen und wurde stattdessen von Professor Trevor Bruttenholm aufgefunden. Der Amerikaner nahm ihn bei sich auf und zog ihn wie einen Sohn groß.



Aufgrund seines markanten Aussehens hatte das aufgeweckte Kerlchen, das entgegen gängiger Klischees nicht aufs Blutvergießen aus war, schnell den Namen Hellboy weg. Binnen weniger Jahre wuchs er zu einem stattlichen Mann heran und wurde zum Aushängeschild der noch jungen Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Phänomene.

Im Auftrag der B.U.A.P. reist Hellboy durch die Weltgeschichte und erteilt mit Vorliebe all Jenen eine Tracht Prügel, die ihm einreden wollen, er hieße in Wirklichkeit Anung un Rama, Tier der Apokalypse, und habe ein unausweichliches Schicksal zu erfüllen...

Ein typischer Tag im Leben des Paranormalen Ermittlers
"Ich habe Geschehnisse in Gang gesetzt, die man nicht mehr aufhalten oder rückgängig machen kann. Ich habe Herrn Hitler ein Wunder versprochen. Ich habe eins vollbracht."
- Rasputin

Mehr als zwei Dekaden ist es nun schon her, dass ein seltsam vertraut aussehender großer, roter Kerl mit abgesägten Hörnern und einer steinernen Hand auf der Bildfläche erschien, um allerlei obskuren, möglichen und unmöglichen Kreaturen eins aufs Maul zu geben. In diesen zwanzig Jahren hat sich aus den kurzen Episoden über das Leben dieses übernatürlichen Ermittlers eine epische Geschichte entwickelt, in der es um nichts weniger geht, als das Schicksal unserer Welt.

Seit der Initialzündung im Jahre 1993 wurden mehrere Spin-Offs und Miniserien in Form von Comics und Romanen veröffentlicht. Zwei Kinofilme gaben der Reihe 2004 und 2008 enormen Auftrieb. Nebenher produzierte man noch zwei Zeichentrickfilme, eine eigene Hörspielreihe, basierend auf den bereits erschienenen Comics, und ein Videospiel für XBOX360 und PS3, über das ich an dieser Stelle besser den Mantel des Schweigens breite. 

Hellboy mag sein Dasein als Nischenprodukt begonnen haben, aber er hat einen zu großen Fußabdruck in der Comiclandschaft hinterlassen, als dass man ihn übersehen könnte; zumindest wenn man sich auch abseits Entenhausens mit gezeichneten Geschichten beschäftigt. Mittlerweile hat sich um die Figuren, die Mike Mignolas Kopf entkommen konnten, ein quicklebendiges Universum entwickelt, das sogenannte Mignola-verse.

Einer der ersten Entwürfe für Hellboy

Nachdem ich im Artikel "Einmal Apokalypse - gut durch, bitte!" bereits ausgiebig über einige Kollegen des roten Teufels berichtet habe, ist es an der Zeit auch über ihn selbst ein paar Worte zu verlieren.

"Knie vor mir nieder, Kreatur! Unterwirf dich mir und du wirst Leben, um die neue Dämmerung dieser Welt zu sehen!" - Rasputin

Mike Mignola ist die Wurzel dieses Weltuntergang ankündigenden Übels. Der Beginn seiner Karriere liest sich wie ein Lebenslaufvordruck für die Zeichenkünstler seiner Generation. Genauso wie viele andere, verdiente sich der 1960 geborene US-Amerikaner seine Brötchen zunächst bei den beiden großen Verlagen Marvel und DC. Dort arbeitete er an Serien wie z.B. Daredevil, Phantom Stranger, Batman, Starman oder Rocket Raccoon.

Mignola hat also schon über längere Zeit die Figuren anderer Künstler in Szene gesetzt, als er 1992 den Auftrag bekam Francis Ford Coppolas Dracula Verfilmung zu adaptieren. Dieser Auftrag sollte sich als Wendepunkt in seiner Karriere herausstellen. Statt nach der inspirierenden Arbeit an unheimlichen Stoffen wieder zu einem weiteren Batman oder Alien Comic zurückzukehren, entschloss er ein wenig länger im Genre zu verweilen. Er wollte Monster zeichnen, sich mit Prophezeiungen und mysteriösen Charakteren beschäftigen. Doch es gab keine Reihe, die ihm diese Gelegenheit bot.

Eine neue Figur musste her! Eine, die er sich selbst ausdenken musste.

Schon seit seiner Jugend hatte Mignola ein Faible für Monster; und für Monster, die sich mit anderen Monstern kloppten, im Besonderen. Daher lag es nahe ein Monster zum Protagonisten zu erküren. Nachdem diese Entscheidung gefallen war, lag die Herausforderung des Figurendesigns noch vor ihm. Bislang hatte Mignola noch keinerlei Erfahrungen mit dem Erschaffen eines Charakters sammeln können. Also orientierte er sich an dem, was er kannte.

Kein Wunder, dass die Ausgabe von Bastei floppte.

Hellboys physische Erscheinung basiert zu großen Teilen auf dem Aussehen von Mignolas Vater. Ein tougher Veteran des Korea Krieges, dessen Haut aus Leder zu bestehen schien und der sich Streichhölzer an seinen schwieligen Händen anzünden konnte.

Was Hellboys Persönlichkeit angeht, die Art und Weise, wie er redet, gleicht wiederum nach Angaben seines Schöpfers am ehesten ihm selbst. Heraus kam am Ende ein Antiheld, der von Mignola gerne auch als Klempner unter den Superhelden bezeichnet wird.

Dafür, dass die vollkommene künstlerische Freiheit etwas ganz neues für den Zeichner war, spricht die Tatsache, dass er in Hellboys erster Geschichte, Saat der Zerstörung, noch John Byrne die Dialoge schreiben ließ. Erst danach traute er sich an Zeichnungen und Texte gleichermaßen heran.

Irgendwoher kenn ich das doch...

Eine Hauptfigur war also gefunden. Nun fehlte nur noch eine gute Geschichte, was zugleich der Punkt ist, an dem für Autoren die Probleme traditionsgemäß erst richtig anfangen. Normalerweise. Für Mike Mignola, ein Fan alter Pulp Magazine, waren die Inspirationsquellen schnell gefunden.

Pulp Magazine, kurz Pulps genannt, waren Zeitschriften mit Geschichten aus den unterschiedlichsten Literaturgattungen. Vom Western über Detektivstories und Liebesromane wurden bis zu Horror, Fantasy und Science-Fiction zahlreiche Genres bedient. Ihre Blütezeit hatten die Pulps in den Jahren zwischen 1930 und 1960. 

Der Name ist doppeldeutig zu verstehen. Zum einen bezeichnet Pulp im Englischen billig produziertes, holzhaltiges Papier und wird aus diesem Grund zum anderen umgangssprachlich auch als Synonym für den Begriff Schund verwendet. Zorro, Tarzan und Conan sind nur einige berühmte Figuren, die während der Pulp Ära entstanden. Hellboy wird wie die Geschichten dieser Magazine nicht strikt chronologisch geschrieben und veröffentlicht. Erst im Gesamtgefüge, kann der Platz der einzelnen Storys nachvollzogen werden.

Zwar werden viele Geschichten zu Recht der Trivialliteratur zugerechnet, doch einige Autoren konnten über das Format hinaus wirken. Zu diesen gehören beispielweise Arthur C. Clarke, Isaac Asimov, Philip K. Dick, Frank Herbert, Dashiell Hammett, Robert E. Howard und H.P. Lovecraft. Auf die beiden Letztgenannten muss man ein wenig näher eingehen, um die Verbindung zwischen dem Mignola-verse und den Pulps besser verstehen zu können.

Ron Perlman passt als Darsteller wie die Faust aufs Auge.

Howard Philips Lovecraft

Der Meister des übernatürlichen Horros, dessen frühe Werke von Edgar Allen Poe beeinflusst waren, vermischte gelegentlich die Genres Science-Fiction und Horror mit Motiven einer sozialen Utopie. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Berge des Wahnsinns, Schatten über Innsmouth und Der Ruf des Cthulhu

Lovecrafts Protagonisten müssen sich oft einem uralten Übel stellen, das verborgen hinter einem Schleier aus Mystik unter der erlebten Realität lauert. Wie Götter dringen diese Kreaturen in die Welt der unbedeutenden Menschen ein und bedrohen deren Existenz wie der Schuhabsatz die Kakerlake. Dabei stöbern die handlungstragenden Figuren die Großen Alten mit den unaussprechlichen Namen oft bei Nachforschungen oder Expeditionen auf. Sie sind also an ihrem Untergang selbst schuld. Neugier und Forscherdrang wird bei Lovecraft in aller Regel bestraft. Das Ende vom Lied: die Figuren fallen regelmäßig dem Wahnsinn anheim. 

Im Großen und Ganzen stammen die beschworenen Übel aus den Weiten des Kosmos oder aus der Vergangenheit der Erde, bevor das Menschengeschlecht auf ihr wandelte. Relikte aus entlegenen Gegenden des Planeten zeugen von uns weit überlegenen Rassen und untergegangenen Kulturen.

Diese Motive tauchen gleich mehrfach bei Hellboy auf. Die Anwesenheit des roten Teufels, der aus einer anderen Realität als der unseren stammt, ist mit dem Wirken einer uralten Macht verbunden, die eingeschlossen in ihrem Kerker, irgendwo in der Schwärze des Alls auf ihre Rückkehr zur Erde wartet: den Ogdru-Jahad.

Das Antlitz dieses Wesens, seines Dieners Sadu-Hem und das anderer Kreaturen ist ebenfalls von Lovecraft inspiriert. Der Autor ekelte sich vor allem Getier aus dem Meer. So verwundert es nicht, dass er seine Schöpfungen gerne mit entsprechenden Attributen wie bspw. Tentakel ausstattete. Mignola griff dies bereitwillig auf, um es gelegentlich bei Hellboys Gegenspielern einzusetzen. Von dem Horrorautor übernahm er ebenfalls den Hang zu sperrigen und antiquiert wirkenden Namensgebungen.

Wer sich länger mit Hellboys Abenteuern beschäftigt wird immer wieder auf die Themen Mystik, Alchemie, vergessene Kulturen, Kulte und verborgene Realitäten stoßen. Und natürlich ist auch für Mignola eine Expedition ein probates Mittel, um den Plot ins Rollen zu bringen.

Hellboy im Animationsfilm Sword of Storms


Robert Ervin Howard

Dem Vater von Conan, dem Cimmerier und Kull von Atlantis bringt nicht bloß dessen Beitrag zu Lovecrafts Cthulhu-Zyklus (Children Of The Night, The Thing On The Roof) an dieser Stelle eine Nennung ein. Wie sein Kollege hatte er ein Faible für das Untergegangene-Kulturen-Thema, das auch bei Hellboy des Öfteren auf den Tisch gebracht wird.

Mit dem Cimmerier hat der Ermittler des Paranormalen so einiges gemeinsam. Beide sind wortkarg, wirken gelegentlich naiv, haben einen Hang zum Pragmatismus, sind leicht reizbar und fackeln nicht lange, wenn ihnen ein Gegner ans Leder will. Probleme werden gerne mit der Holzhammermethode angegangen. Warum auch nicht?! Schließlich haben sie ungemein Erfolg damit.

Obendrein stolpert Hellboy ebenso wie Conan unbedarft in obskure und sehr prekäre Situationen -normalerweise ohne den blassen Schimmer einer Ahnung von einem Plan zu haben, wie es weiter gehen soll. Es entwickelt sich halt eben so, wie es sein muss.

Was die Namensgebung im Mignola-verse angeht, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass mindestens eine Howardsche Wortschöpfung in leicht abgewandelter Form auch dort auftaucht. Conan lebt im Zeitalter von Hyboria, während bei Hellboy gelegentlich von einer vormenschlichen Kultur die Rede ist: den Hyperboreanern.

"Wenn ich wütend bin, mache ich manchmal Dummheiten. Dummheiten, wie Hals über Kopf in einen dunklen Raum zu stürmen." -Hellboy

In Bezug zur Art und Weise, wie der rote Kerl in seine Abenteuer gerät, verweist Mike Mignola zusätzlich auf einen anderen Schreibknecht der Pulp-Szene. Manly Wade Wellman ließ Silver John in ähnlicher Manier als zielloser Wanderer durch die düsteren Wälder der Appalachen streifen. Die Hellboy Geschichte Der Krumme nimmt sogar direkten Bezug auf dieses Setting.

Des weiteren führt Mignola Michael Moorcock als eine seiner Inspirationsquellen an. Der britische Autor nutzt mit Vorliebe die Multiversum Theorie als Basis seiner Geschichten. Demnach existieren unendlich viele parallele Welten, die sich räumlich und zeitlich überlappen können. Oft muss der Protagonist im Kampf zwischen Ordnung und Chaos die Balance bewahren. Eine Aufgabe von Sisyphosschen Ausmaßen für einen verdammten Helden, welche ebenso auf Hellboys Schultern lastet. Schließlich versuchen seine Schöpfer alles, damit er seinen Widerstand aufgibt und endlich dem Zweck seines Daseins nachkommt und Ragnarök, die Apokalypse, auslöst.

Mignolas Schatten betonender Zeichenstil wirk am besten in den S/W-Ausgaben.

Neben Pulps finden sich auch immer wieder Anleihen aus Folklore, antiker Mythologie, modernen Legenden, Märchen aus aller Welt, klassischen Monstergeschichten, brauner Esoterik und Verschwörungstheorien ihren Weg in das Mignola-verse, um dort fiktive Wirklichkeit zu werden.

"Von gewaltiger Kraft und riesigen Schrittes sind sie. Achtlos zermahlen sie das Land wie Getreide." Rasputin über die Ogdru-Jahad

Zwanzig Jahre sind also bereits vergangen. Seit Hellboys erstem Auftritt im begleitenden Comicheft zur San Diego Comic Con 1993 haben sich viele Autoren und Künstler mit dem sympathischen Schlagetot beschäftigt. John Arcudi, Scott Allie, Guillermo del Toro, Duncan Fegredo, Guy Davis, Gabriel Bá und Richard Corben sind nur einige davon.

Auch wenn Anung Un Rama zwischenzeitlich den Löffel abgeben musste, bedeutet das noch lange nicht das Ende seiner Geschichte. Wenn man den Worten seines Schöpfers trauen kann, wird selbst der Tod erhebliche Mühen haben, den Teufel für die nächsten zwanzig Jahre mundtot zu machen.


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