Dienstag, 31. Januar 2017

Ich brauch nicht viel - meine Hilti, meine Stihl!


Ja, der Einstieg mit einem Auszug aus einem Rainald Grebe Song ist albern. Nein, ich wollte nicht zum Ausdruck bringen, die Amazon Originals Serie „Bosch“ wäre nach einer x-beliebigen Anleitung aus dem Serienbaumarkt von einem gelangweilten Handwerker zusammengezimmert worden. Irgendwie muss man halt anfangen.

Harry Bosch ist Kriegsveteran und Vater einer vierzehnjährigen Tochter, die er hauptsächlich deshalb seit Jahren nicht mehr gesehen hat, weil seine Ex-Frau zeitweise mit ihrem neuen Mann in Hong Kong lebt. Der andere wichtige Grund besteht darin, dass sich Bosch nur mit Mühe von seiner Arbeit als Detective des Los Angeles Police Departments loseisen kann. Das geht soweit, dass Bosch, obwohl er zu Beginn der ersten Staffel aufgrund eines Verfahrens wegen fahrlässiger Tötung eines Verdächtigen während eines Einsatzes vom Dienst freigestellt ist, weiter mit seinem Partner Jerry Edgar arbeitet.



Seine direkte Vorgesetzte Grace sieht das gar nicht gern. Aus Erfahrung weiß sie nur zu gut, dass Harry damit nur noch mehr Ärger auf sich ziehen wird. Als zufällig die Knochen eines Jungen gefunden werden, der Zeit seines Lebens schwer misshandelt wurde, lässt sie ihn dennoch in dem Fall ermitteln. Der Junge ist seit über zwei Jahrzehnten tot, die Spuren sind mehr als nur kalt und Harry würde eine Ablenkung von seinem Verfahren gut tun. Was könnte dabei schon schief gehen?

Besonders angenehm fiel mir bereits beim Schauen von Folge eins auf, dass die Macher der Serie geschickt mit den Erwartungen der Zuschauer spielen. Viele Figuren haben Charakterzüge, die sie mit einem Archetypen verbinden, ohne jedoch das Klischee voll oder gar nur zur Hälfte zu erfüllen.


Harry umgibt den Vibe des Privatdetektivs, der sich einen Scheißdreck um Formalitäten zu scheren scheint. Der Eindruck täuscht jedoch gewaltig. Harry ist kein Prinzipienreiter, aber er hat ein klar umrissenes Gerechtigkeitsempfinden. Beweise unterzuschieben oder wissentlich den Falschen an den Pranger zu stellen, sind für ihn No-Gos. Harry wirkt zunächst wie der Typ des Einsamen Wolfs, doch dann muss man feststellen, dass er aktiv Freundschaften pflegt und nicht unter einem Mangel an Sozialkompetenzen leidet. Die Arbeit lässt ihn ein wenig vereinsamen, aber das ist lediglich ein Nebenprodukt seines Workaholic Daseins, nicht der von ihm gewünschte Effekt.

Dann wären da Boschs Kollegen Moore und Johnson, die man getrost als die Comicreliefs der Serie bezeichnen kann. Doch abseits von Albernheiten und dummen Sprüchen, verkommen die beiden nicht zu Stichwortgebern oder inkompetenten Vollidioten, denen der Protagonist immer wieder unter die Arme greifen müsste. Boschs Ex-Frau Eleanore ist weder rachsüchtig, noch hochnäsig oder auf Konfrontation gebürstet. Zwar geraten die beiden gerade wegen ihrer gemeinsamen Tochter auch mal aneinander, aber im Grunde ist das Gegenteil der Fall: man kommt miteinander klar. Harry und Reggie, der inzwischen mit Eleanore verheiratet ist, verhalten sich sogar ausgesprochen freundschaftlich.

Auf diese Art und Weise könnte ich mit vielen anderen Charakteren weitermachen. Die Verbrecher sind nicht das pure Böse und die Opfer oder Polizisten sind nicht die personifizierte Unschuld. Als Fazit kann man an dieser Stelle festhalten, dass die Figuren wie aus dem Leben gegriffen sind und keine Hülsen für eindimensionale Rollenbilder.

Man merkt der Serie an, dass sie auf einem Roman basiert. Michael Connelly ist der Autor der Reihe um den raubeinigen Harry. Von ihm stammen auch die Romanserien um Rachel Walling, Michael Haller und Jack McEvoy. Bislang hatte ich noch keine Gelegenheit einen seiner Bosch Romane zu lesen, aber da Connelly gleichzeitig einer der ausführenden Produzenten ist, kann man davon ausgehen, dass mit dem Ursprungsmaterial vernünftig umgegangen wird.


Boschs Romanherkunft merkt man auch dem Erzählstil der Serie an. Anders als in gewöhnlichen Krimiserien wie bspw. NCIS oder Hawaii 5-0 wird nicht in jeder Folge ein neuer Fall aufgerollt, sondern man konzentriert sich während einer Staffel auf ein bis zwei Fälle, die sich größtenteils nebenher entwickeln. Daran angebunden oder nebenher werden Subplots gesponnen, die nicht zwingend zum Ende einer Staffel zum Abschluss gebracht werden, sondern teilweise erst später wichtig werden. Dabei wird die klassische Dreiaktstruktur nicht nur während der einzelnen Folgen, sondern auch auf die Staffeln bezogen, größtenteils aufgebrochen. Am Ende kommt ein Ergebnis heraus, das sich sehr natürlich anfühlt. Man könnte eine solche Geschichte genauso gut auch aus Zeitungsartikeln erfahren.

Neben allen inhaltlichen Stärken, noch ein kurzer Blick auf das offensichtlich dargebotene: Wer auf Jazzmusik steht, wird sich in den Score augenblicklich verlieben, der Rest wird vermutlich eher mit den Achseln zucken, selbst wenn für Nichtliebhaber der Stilrichtung auch das eine oder andere anhörbare Stück geboten wird. Insgesamt passt der Score zur Figur und zum Ton der Serie. Die Kameraführung ist weitestgehend ruhig. Bosch ist keine Actionserie, sondern ein Copdrama. Selbst wenn das Bild des schießwütigen Amibullen allerorten kolportiert wird, entspricht es nicht der Realität. Bei den Schauspielern habe ich nichts zu Meckern. Titus Welliver (Agents of Shield, Argo) gibt einen hervorragend kantigen Bosch und es hat mich unheimlich gefreut Lance Reddick (Fringe, John Wick, The Guest) endlich mal wieder in einer festen Serienrolle zu sehen.


Zwei Staffeln (á 10 Folgen) wurden bislang gesendet und beim vorliegenden Buchmaterial scheint es, als ob Amazon noch mindestens ein Jahrzehnt so weiter machen kann. Zwei weitere Staffeln wurden jedenfalls bereits bestellt. Bosch ist derzeit nur auf Amazon Prime zu sehen, dafür dann aber sogar in UHD Auflösung.

Da das Thema Originalversion vs. Synchronisation immer wieder die Gemüter erhitzt, kann ich hier Entwarnung geben. Bis auf eine Ausnahme wurde die Serie sehr gut vertont. Boschs Tochter Maddie wurde nämlich mit einer Stimme versehen, die ich in Game of Thrones hassen gelernt habe. Arya Stark bohrte sich mit miesem Timing, falschen Betonungen und ätzenden Stimmlagen derart schmerzhaft in meinen Gehörgang und damit in mein Gedächtnis, dass ich selbst im O-Ton zunächst zusammenzucke, wenn Maisie Williams ins Bild kommt. Vermutlich nehme ich Frau Rümmeleins Stimme deshalb auch heute noch als deutlich nerviger wahr als es anderen möglicherweise gehen wird. Vielleicht hat sie seit damals dazugelernt, aber ich bin nicht mehr in der Lage den Unterschied wahrzunehmen.

Fans von Serien wie True Detective oder The Shield, kommen um Bosch nicht herum. Wer wenigstens ein Faible für Krimis hat, sollte sich einen Ruck geben und einen Blick über den Tellerrand wagen.

 Es ist ein lohnender Blick.



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