Donnerstag, 9. Dezember 2010

"Verstehen ist ein dreischneidiges Schwert."

 
Surreal, fremdartig, unheimlich, bedrohlich, geborgen, heimisch, phantastisch, übersinnlich! Jeder Mensch träumt und jeder von uns empfindet seine Träume anders. Oft als ein Spielball eigener Emotionen und unbewusst verdrängter Konfliktsituationen, werden in der Schlafphase Situationen und Erinnerungen ausgelebt, durchgespielt und adaptiert, die wir nicht kontrollieren können.
Im Klartraum ist jedoch alles anders. Luzide Träumer (lat. lux, lucis: das Licht) erleben ihre Träume bewusst und lenken das Geschehen nach ihrem Gutdünken.
Auf diesem Grundgedanken basiert Christopher Nolans neuster Film „Inception“.
 
Dank einer neuen Technik ist es in diesem Science-Fiction-Thriller möglich, in die Träume anderer Menschen einzusteigen und deren Wissen zu stehlen. Dieses Konzept eignet sich natürlich hervorragend zur Industriespionage. Man entführt ein hochrangiges Konzernmitglied oder generiert eine Situation, in der man mit der entsprechenden Person allein im Raum ist und betäubt denjenigen. Zusammen mit seinen Kameraden bricht man dann in die Träume des Opfers ein und begibt sich auf die Suche nach den entsprechenden Infos. Dieser Vorgang nennt sich Extraction. Im Bestfall glaubt das Opfer danach lediglich schlecht geträumt zu haben.
 
Dominik Cobb (Leonardo DiCaprio) ist als Extractor ein Meister seines Fachs und seit dem Suizid seiner Frau Mal auf der Flucht, da die Polizei glaubt er sei ihr Mörder. Er wünscht sich nichts sehnlicher als seine beiden Kinder wieder zu sehen, und ein weiterer letzter Job verspricht ihm endlich an sein Ziel zu kommen: seine Rehabilitierung.
So lässt er sich auf ein gefährliches Unterfangen ein: er muss keinen Gedanken stehlen, sondern einen implantieren.
Für diesen sogenannten „Inception“ muss Cobb mit seinem Team innerhalb des Traums in weitere Traumebenen hinabsteigen. Doch als er unbewusst seine eigenen Dämonen mit auf die Reise nimmt, drohen Realität und Fiktion untrennbar miteinander zu verschmelzen…
 
Wenn ich so auf Christopher Nolans Filmographie schaue, kommt mir ein Gedanke in den Sinn: „Schafft es der Mann denn nicht endlich auch mal eine richtig beschissene Gurke abzuliefern?“ Scheinbar nicht.
 
Mit „Memento“, „Prestige“ und „The Dark Knight“ hat er sogar drei zeitlose Meisterwerke abgeliefert und mit „Inception“ dem Hattrick sogleich noch ein viertes hinter her geschoben.
Mir als Filmfan kann das nur recht sein, denn derzeit versteht es in Hollywood kaum ein Zweiter Action, gut gezeichnete Figuren und ansprechende Handlung so geschickt miteinander zu verweben wie Nolan; und das zumal er auch immer am Drehbuch mit beteiligt ist. Als Hans-Dampf-in-allen-Gassen wirkt er zudem hin und wieder auch bei der Kamera, dem Schnitt und der Produktion mit. Vielleicht braucht es aber auch genau diese Kontrolle um ein solch überzeugendes Ergebnis abzuliefern. Glücklicherweise gewährt ihm Hollywood auch die Freiheiten, die er benötigt. Und bisher haben die Einspielergebnisse noch kein Studio an dieser Einstellung zweifeln lassen.
Möge es ewig so bleiben.
 
Zurück zu „Inception“:
Obwohl es sich um einen Sci-Fi-Thriller handelt, ist die Maschine, die Cobbs Arbeit erst ermöglicht das einzige SF Element. Die restliche Technik und Architektur ist wie wir sie heute kennen. So sollten auch Menschen mit einer Abneigung für dieses Genre durchaus einen Blick auf diesen Film werfen.
Die Schauspieler passen auf ihre Rollen wie Arsch auf Eimer; will sagen: hervorragend!
Sei es DiCaprio, der sich spätestens mit „Departed von seinem Milchbubi Image emanzipierte und mit „BloodStone“, „Zeiten des Aufruhrs“ und nun „Inception“ weiter diesen Vorsprung ausbauen konnte. Oder sei es Ellen Page, die ihrer Figur „Ariadne“ die nötige Portion Kraft und Selbständigkeit gab, die verhindert, dass sie lediglich ein verträumtes, schwärmerisches Anhängsel Cobbs wurde, oder sei es Ken Watanabe, der als Konzernmanager mehr als nur ein skrupelloser Auftraggeber aus der Schablone für Bösewichte ist.
Aber auch Cilian Murphy, Tom Berenger, Tom Hardy, Marion Cotillard und Joseph Gordon-Levitt geben ihren Figuren angemessen Tiefe. Lediglich von Michael Caine gab es für meinen Geschmack zu wenig zu sehen, aber dann erhoffe ich mir einfach mehr für den dritten und letzten Nolan-Batman Film „Dark Knight Rises“, der wohl 2012 die Leinwände erobern wird.
 
Apropos Batman: wer „The Dark Knight” kennt, wird optisch ein Dejá vù Erlebnis bei „Inception“ haben. Nur wenige Effekte kommen offensichtlich aus dem Computer, das meiste wirkt wie reale Settings. Hinzu kommen die vorwiegend blaugraue Farbpalette und die Kameraführung , die frappierend an Nolans letzten Film von 2008 erinnern. Lediglich in Cobbs privaten, gefühlvollen Erinnungen verdrängen warme Farben die traurige Wirklichkeit.
Ja, in „Inception“ geht es nicht nur um Action in abstrakten Traumgebilden, sondern auch um starke Gefühle. Doch wie von Nolan gewohnt, versteht es der Regisseur, jeglichen Kitsch zu vermeiden.
 
Ein weiterer, sehr erfreulicher Pluspunkt von „Inception“ ist die musikalische Untermalung. Hans Zimmer zeigt ein weiteres Mal, dass er mehr drauf halt, als nur 08/15 Gladiator Fanfaren – so gut sie zugegebenermaßen auch waren. Der Focus auf düstere Streicher untermalt die teils bedrückenden Szenen perfekt. Schade, dass die Sequenz aus dem Trailer es in dieser Form nicht in den Film geschafft hat. Das war Gänsehautatmosphäre pur.
 
Bei allem Lob muss ich allerdings noch etwas los werden. So unheimlich kompliziert und komplex, wie oft zu lesen ist, ist „Inception“ bei weitem nicht. Wenn man das Konzept der Traumreisen einmal verinnerlicht hat, sich darauf ein lässt und die Motivationen der Figuren kennt, hat man keine Probleme mehr dem Plot zu folgen.
Natürlich ist der Finale Auftrag mit den mehreren Traumebenen (oder frei nach SouthPark: „It´s like a taco within a taco!“) in sich relativ verschachtelt, zumal die Zeit auf jeder Ebene in einer anderen Geschwindigkeit abläuft; aber durch den gelungenen Schnitt wird der Zuschauer von Nolan stets nah am Roten Faden durch diesen Teil der Handlung geschleust.
Gut – wer dabei nur quatscht und nicht auf passt ist selber schuld.
 
Aber Nolan wäre nicht Nolan, wenn er „Inception“ nicht auch ein Ende mit dem gewissen Etwas spendiert hätte. Doch statt wie Batman in „The Dark Knight“ auch Cobb als vermeintlicher Bösewicht in die Wüste zu schicken, gönnt er seinem Protagonisten ein Happy End.
Oder doch nicht?
 
Mit der letzten Einstellung jedenfalls ist die Saat des Zweifels gesät und Generationen von Filmfans dürfen sich in Zukunft darum streiten: hat er oder hat er es nun nicht geschafft?
 
Ich für meinen Teil kenne die Antwort.
Aber das bedeutet ja nicht, dass Eure Antwort die selbe sein muss…

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