Mittwoch, 26. Januar 2011

Kommen ein Nazi und ein Islamist ins Büro...


Serdar Somuncu, der Kabarettist, Gelegenheitssänger, Schauspieler und Autor polarisiert gerne. Besonders auf der Bühne lässt er die Sau raus. Auf political correctness wird ein dicker fetter Haufen gesetzt und wem das gegen den Strich geht, kann ja den Saal verlassen. Da gibt es keine Kompromisse gegenüber Minderheiten oder Gefühlen. Wer eine Watschen verdient hat, bekommt sie auch. Und wer sie nicht verdient hat ebenso... präventiv quasi, weil früher oder später wird derjenige sie sich verdient haben.


Während er live mit tollwütigen Sätzen klappert, deren scharfkantige Worte oft tief da hin beißen, wo es besonders unangenehm ist und richtig weh tut, nimmt er sich in seinem Buch zurück, das mehr als überlanges Essay daher kommt. Wer ihn also von Ausschnitten auf Youtube oder nach Genuß seiner aktuellen CD (Der Hassprediger - ein demagogischer Blindtest) kennt und sich am liebsten vor all den Beleidigungen in Sicherheit gebracht hätten, sollte ebenso weiter lesen, wie diejenigen, die über sein geistiges Ejakulat lachen konnten.

Als Sohn eines türkischen Gastarbeiters in Deutschland aufgewachsen, wohnen zwei Seelen in seiner Brust. Das kommt schon im Titel seines 2009 erschienenen Buches zum Ausdruck: "Der Antitürke"
Wie wächst man als türkischstämmiger Bürger in Deutschland auf? Welche Komplikationen ergeben sich daraus für Türken und Deutsche? Warum kommt es immer wieder zu Mißverständnissen? Wo kommt der Türke her und warum ausgerechnet hier her? Was sind unsere Gemeinsamkeiten; heute und aus historischer Sicht? (und das sind deutlich mehr, als man zunächst denken mag)

All diesen Fragen (und noch mehr) geht Serdar Somuncu in seinem Buch nach, und das vollkommen ohne unflätiges Vokabular. Darüber war ich zunächst etwas enttäuscht - schließlich stellte sich "Der Antitürke", trotz des vorhandenen Humors, nicht als Ausflug auf der Gag-Achterbahn heraus.
Mit jeder Seite jedoch wuchs mein Interesse an den Themen des Buches, die uns schließlich alle etwas angehen.

Mit über 3 Millionen türkisch stämmiger Bürger in Deutschland - also Turkogermanen und Turktürken oder wie auch immer die korrekte Bezeichnung lautet - sollte man nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern unbefangen an diese Themen heran gehen. Langfristig ist nur so ein Zusammenleben zu meistern. Wie und warum das so ist, schildert Somuncu an vielen Beispielen und gibt dabei natürlich eine rein subjektive Meinung wieder. Aber dieser 152 Seiten lange Trip lohnt sich.

Hier bekommen Türken und Deutsche ihre verdienten Watschen für verpasste Gelegenheiten und Versäumnisse im Umgang mit einander. Allerdings zeigt er auch auf wo die Reise hin gehen sollte und wie man zumindest die Anfänge gestalten könnte.  Stellvertretend für den Tenor des Buches zwei kurze Textstellen, die ich hier im Wortlaut wieder gebe:

"So wie die Deutschen viel zu spät erkannt haben, dass das Problem der Integration nicht auf die Türken allein abzuwälzen sein wird und auch sie einen großen Anteul dazu zu leisten haben, dass ein Miteinander entstehen kann, so haben die Türken nicht wirklich in Kauf genommen, dass es für sie keinen anderen Weg gibt, als ihr Leben an die neue Umgebung anzupassen und sich endlich mit Deutschland als ihrer neuen Heimat zu identifizieren."

"Diese Leute verraten mein Ideal von einer Türkei, die aufgeschlossen und europäisch, aufgeklärt und fortschrittlich ist, für die Kompensation eiines Minderwertigkeitsgefühls, welches sie sich vor allem selbst zuzuschreiben haben.
Diese Leute verraten mein Ideal von einem Deutschland, das weltoffen, tolerant und selbstbewusst im Umgang mit seinen Mitmenschen ist, für die Überwindung eines Traumas, das es sich selbst zugefügt hat."

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