Montag, 10. Januar 2011

Wenn der Sowjet zweimal zaubert...



Werner, die Russen kommen!


... mit Hilfe der Amis. Und ...

"Ja, haha, den Witz kenn ich! Der Schenkelklopfer ist nur knapp 65 Jahre alt. Hat soooo einen Bart! Ich mach mich hier ab."

Moment mal, nicht so schnell! DAS ist doch gar nicht damit gemeint. 2007 kam endlich der Comic, bzw. die Graphic Novel, wie es seit einiger Zeit so dezent verschämt auf Neudeutsch heißt, "The Red Star" in Deutschland heraus. Ich war selber überrascht, dass ein amerikanisches Künstlerteam eine Science Fiction-Geschichte in Russland spielen lässt und das auch noch im offensichtlich kommunistischen Setting. Normalerweise wird ja in Übersee zum Thema Kommunismus eine i.d.R. sehr einseitige Meinung kommuniziert.


Umso überraschender, dass "The Red Star" bei Erscheinen auch noch unverschämt gut ankam. Einer der wichtigsten Faktoren zu Beginn der Serie war sicherlich die optische Aufmachung. TRS schaut nämlich deutlich anders aus als andere US-Comics. Zum einen kommen hier traditionelle Tusche- und Bleistiftzeichnungen zum Einsatz, werden aber mit aufwendigen Computergraphiken kombiniert. Auch wenn der Anblick zunächst ungewohnt ist, beißen sich diese Elemente nicht gegenseitig. Zum anderen transportieren die Bilder direkt eine dermaßen episch-düstere Stimmung, dass man quasi zum Lesen gezwungen wird. Zugegeben: Bussi Bär-Fans werden eher abgeschreckt sein.



Um der Bildkomposition gerecht zu werden, sind die Seiten etwas breiter als gewohnt und oft nehmen einzelne Panels komplette Doppelseiten oder einen großen Teil davon ein; manchmal sogar ohne Text. Hier und da wirkt es als habe man versucht Leone und Kubrick auf die Seiten zu bannen. Nun darf man vielleicht zunächst verärgert sein, dass der Platz in einem Comic dermaßen inflationär verschwendet wird, aber mich hat das nach dem ersten Lesen nicht mehr gestört. TRS kommt auf diese Weise sehr nah an die Intensität von Blockbuster-Kinofilmen heran. Hin und wieder erwischt man sich selbst, wie man beim Lesen immer schneller blättert, weil man wissen will wie es weiter geht. Wenn ein Comic - sorry, Graphic Novel - einen solchen Effekt hat, dann bestätigt das die Macher in ihren Entscheidungen zum Design.

TRS handelt vom fiktiven Sowjetstaat "Vereinigte Republiken des Roten Sterns" (V.R.R.S.) in den ungefähren Grenzen der ehemaligen UdSSR, die vom finsteren Diktator Imbohl beherrscht werden. Krieg und Gewalt gehören zum Alltag. Immer wieder werden Grenzkonflikte ausgetragen oder Staaten, die sich für unabhängig erklären in den Bund zurück gezwungen.

Inmitten all dieser Konflikte wird die Geschichte der Familie Antares erzählt, die im Verlauf des Plots ein ums andere Mal vor dem Dilemma steht, sich zwischen ihren Pflichten gegenüber der V.R.R.S. und den ethisch-moralisch korrekten Handlungsweisen entscheiden zu müssen. Schließlich stellen sie sich dem korrupten Regime entgegen und entfesseln eine Rebellion.

Wer nun befürchtet, sich auf einen trockenen Stoff einzulassen, darf beruhigt sein. Action ist das vorherrschende Element in TRS. Geschickt verweben die Macher die Figurenentwicklung in die actionbetonte Handlung. TRS ist eine comicgewordene, schweißtreibende Materialschlacht, die einen nach der letzten Seite um Atem ringend entlässt und den Leser dazu bringt, um Nachschub zu betteln.
Es fällt schwer TRS in eine Schublade zu stecken. Zu viele verschiedene Elemente vereinen sich in diesem Werk, als dass eine eindeutige Klassifikation möglich wäre. Am auffälligsten sind natürlich die Science Fiction-Elemente, die sich beispielsweise. in den Energiestrahlen aussendenden Schlachtschiffen, den in den Lüften schwebenden Wolkenbrütern, manifestieren. Eine genaue Jahreszahl wird nicht genannt, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass TRS in unserer Gegenwart spielt - natürlich in einer Alternativwelt. Auf den ersten Blick nicht ganz so offensichtlich sind die Fantasy-Elemente. Speziell trainierte Zauberer sind beispielsweise in den Abschussbuchten der Wolkenbrüter eingespannt und dienen als Energiequelle für die tödlichen Energielanzen der Schiffe. Hinzu kommen in die Handlung eingeflochtene Details, die sich an historischen Fakten orientieren. Am ehesten lässt sich TRS dem Cyberpunk zuordnen.

TRS wird gerne mit "Star Wars" und "Doktor Schiwago" verglichen. Star Wars trifft insofern zu, da man auch hier mit imposanten Raumschiffen und epischen Schlachten konfrontiert wird. Wie bei Star Wars ist die gesamte Handlung mit dem Schicksal einer bestimmten Familie verknüpft. Aus Anakin, Luke und Leia Skywalker wurden hier Maya und Markus Antares und dessen Bruder Urik. Zudem wird auch hier der ewige ikonische Kampf von Gut gegen Böse ausgetragen – David gegen Goliath – Rebellen vs. Imperium. Und das auch noch in einem "Märchen", wie es im Vorwort zu Band eins so schön heißt. Beginnt Star Wars denn nicht auch mit den Worten "Es war einmal ..."?!

Die Bezüge zu Doktor Schiwago sind allerdings auch enthalten. TSR erzählt nämlich nicht nur vom Kampf gegen das menschenverachtende Regime, sondern auch von der Liebe von Maya und Markus Antares, die sich in den Wirren der Bürgerkriege verlieren.

Das Design von Technik und Uniformen orientiert sich aber durchaus am Stil der militärischen Ausrüstung der UdSSR. An den Herrn der Ringe wiederum erinnert der erzählerische Kniff, den Urheber allen Bösen, den Diktator Imbohl wie Sauron nie selbst zu zeigen (zumindest bis jetzt) und den Leser im Ungewissen zu lassen, wie er aussieht.

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