Freitag, 23. Juni 2017

Plotholekanone auf maximale Streuung!



Diana wuchs als einziges Kind auf einer Insel voller Amazonen auf. Ihre Heimat liegt in einem der Welt entrückten Winkel des Mittelmeeres, damit Kriegsgott Ares sie nicht aufspüren kann. Nach langen Jahren des Trainings ist Diana eine erwachsene Kriegerin, als Steve Tevor mit seinem Flugzeug vor der Insel ins Meer stürzt. Diana rettet den Bruchpiloten aus dem Wrack, doch ihm sind deutsche kaiserliche Truppen auf den Fersen und es entbrennt eine Schlacht mit den Amazonen. Diana erkennt Ares Einfluss in den Kriegshandlungen und beschließt, dass es an der Zeit ist ihm das Handwerk zu legen. Dafür muss sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Heimat verlassen...


Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit dem DC-Cinematic-Universe war ich nicht allzu motiviert ins Kino zu gehen. Man of Steel baute ab der Hälfte mächtig ab, um in einem Effektgewirr den Faden zu verlieren. Batman vs Superman war total überfrachtet und hatte den lächerlichsten Plottwist seit langem und Suicide Squad war ohne Konzept gedreht worden und blieb leider nur ein Versatzstück einzelner guter Ideen, welche eher kurzen Episödchen gut gestanden hätten statt einem abendfüllenden Film. Nun stand also Wonder Woman auf dem Plan. Sollte ich reingehen und mir Enttäuschung Nummer vier abholen? Während ich mit mir haderte kamen die ersten Reviews rein und ich traute meinen Augen und Ohren nicht: sie waren ausgesprochen positiv. Sie waren sogar so positiv, dass ich hätte misstrauisch werden müssen. Vom besten Comicfilm seit The Dark Knight war da unter anderem die Rede. Gut, ich musste schon lachen, als großspurig behauptet wurde, Wonder Woman sei der erste toughe weibliche Lead Part in einem Kinofilm. Da hatte wohl jemand seit den 60ern das Kino gemieden. Dennoch: meine Neugier auf den hoffentlich ersten guten DCCU Film war geweckt worden und es blieb nichts anderes übrig, als mir selber ein Bild zu machen.

Tatsächlich entpuppte sich Wonder Woman als der beste, weil rundeste der bislang erschienenen DC Filme. Die Comicvorlage wurde ausreichend geerdet, dass man nicht sofort zu lachen anfängt, wenn man die Hintergrundgeschichte erfährt, und mit viel Abenteuerflair gewürzt. Die Hauptdarsteller sind durchweg sympatisch und hauchen ihren Figuren ordentlich Leben ein. So reizend Gal Gadot auch ist: gegen Chris Pines Schauspielerfahrung kann sie nicht anstinken: zumindest noch nicht. Chris nimmt man den zwielichtigen Spion ab, der zwischen Pflichten und moralisch richtigem Verhalten hin und hergerissen ist. Dass der Humor nicht zu kurz kommt, war eine gute Entscheidung des Teams, denn das rettet durch mehrere langatmige Sequenzen.

Leider leidet Wonder Woman an einigen typischen DC Krankheiten. Zum einen läuft das Pacing in der Mitte des Films aus dem Ruder, als das Drehbuch in die Eisen geht und den Schwung aus der Handlung nimmt. Immer wieder werden Szenen eingestreut, die den Plot behindern oder schlicht nirgendwo hinführen. Mancher Locationwechsel wirkt erzwungen, damit es zumindest optisch irgendwie voran geht, obwohl eigentlich nichts innerhalb des Plots erreicht wird. Der kurze Besuch auf Burg "Wolfenstein" ist solch ein Wechsel. Der einzige Zweck der Szene: Steve und Diana treffen auf einem Fest zum ersten Mal auf ihre Gegner Ludendorff und Dr. Maru. Es ergeben sich jedoch keine Konsequenzen aus dem Handlungsabschnitt, der leider arg konstruiert und erzwungen wirkt.

Zum anderen ist der pöhse Pube des Films einer der schwächsten, die bislang in Comicverfilmungen auftraten. Zugegeben: Marvel ist da auch oft kein Glanzlicht. Von anderen Serien wie Star Wars, Star Trek, James Bond und Co will ich da erst gar nicht sprechen. Halten wir fest: viele greifen bei dem Thema ins Klo. Nachdem es zunächst so scheint, als sei Diana mit ihrem Kreuzzug gegen Ares auf dem Holzweg, weil sie schlussendlich lernen muss, dass Menschen keinen Gott brauchen um sie gut oder böse werden zu lassen, kann sich DC das über alle Maßen epische Schlachtenfinale nicht verkenifen und zieht doch noch Ares in einem zehn Kilometer gegen den Wind riechenden Plottwist aus dem Hut und lässt beide miteinander Kämpfen. Das war weder clever geschrieben noch gut inszeniert. Man widerspricht einfach dem, was man fünf Minuten zuvor noch gesagt hat und verkehrt es ins Gegenteil, denn mit dem Sieg über Ares (Spoileralarm!) endet auch der erste Weltkrieg. Ernsthaft?!

Ein weiterer Punkt, der mich immer wieder irritiert: warum müssen in den Schlachten Choreographie und Effekte auf diesem unterirdischen Niveau stagnieren? Die Kämpfe schwanken ohnehin sehr stark. Dianas Training war gut in Szene gesetzt. Bei ihrem Angriff auf die deutschen Truppen an der Front musste ich mich jedoch mit Lachen zurückhalten. Das Finale setzte dem Film schließlich die Krone auf. Weder wurde eine spannende Inszenierung geboten noch gab man sich mit den Effekten allzu viel Mühe. Wann immer Wonder Woman aus der Computerdose kam, waren die Animationen viel zu geschmeidig und dadurch unnatürlich. Ich fühlte mich direkt an Spiderman von Sam Raimi erinnert - und nein! Das war kein Lob. Die Bilder bieten selten Tiefe und alles sieht permanent nach Greenscreen aus. Positiv muss ich hingegen anmerken, dass die Kamera das Geschehen immer gut im Blick behält.

Vielleicht ist das große Problem bei den bisher gebotenen DC Figuren, dass die meisten von Ihnen geradezu gottgleich sind. Ihnen kann scheinbar nichts etwas anhaben. Und wenn, dann benötigt man immer ein Fingemaging wie z.B. Kryptonit, um die eine Schwachstelle auszunutzen, die ein Charakter hat. Ich mag solches Figurendesign generell nicht besonders. Achill war schließlich nicht der geilste im Pantheon und Siegfried ist auch eher für seine Blödheit bekannt. Wer  seine einzige Schwachstelle verrät, ist selber schuld! Wie soll ich als Zuschauer mit Figuren mitfiebern, die keine Ecken und Kanten aufweisen, Schwächen haben und auch Fehler machen? Die fehlende emotionale Einbindung des Zuschauers in das Geschehen, macht es auch schwierig im Finale die Höhen und Tiefen in der Handlung fühlbar zu machen. Das, was da über die Leinwand flimmerte, kümmerte mich nicht mehr. Ich war mehr mit Lachen und Kopfschütteln beschäftigt.

Der nächste Abschnitt enthält echte Spoiler, darum einfach zum letzten Absatz springen, wenn Ihr den Film noch sehen wollt.

Dass Diana aufgrund ihres bisherigen abgeschotteten Lebens weltfremde und zuweilen arg naive Ansichten hat, passt zu ihrem Charakter. Manchmal übertreiben es die Autoren jedoch. „Die Deutschen führen nur Krieg, weil Ares sie dazu zwingt.“, behauptet Diana frei heraus. Mit der Ausrede hätten die Nazis mal auf den Nürnberger Prozessen auffahren sollen. Das hätte bestimmt für einen Lacher vor dem Hängen gesorgt.
Insgesamt ist mir der Umgang mit dem Ersten Weltkrieg zu lapidar. Gut, dass die Technik und der historische Ablauf Nonsens sind, klammere ich mal aus, schließlich handelt es sich um einen Comicfilm. Der eigentliche Konflikt im Film ist austauschbar, das wird schnell klar, aber warum man nicht gleich das WWII Setting nimmt, wenn man die Rollenverteilung gemäß dieser Schablone so wählt, leuchtet mir nicht ein. Hatte man Sorge um Verwechslungsgefahr mit Captain America? Oder war den Machern die Auflösung des Hauptplots um Ares als die Quelle des Krieges ob des Holocaust Themas dann doch zu heikel? 
An anderer Stelle erfährt man, dass Dr. Maru an einem besonders perfiden Senfgas auf Wasserstoffbasis forscht, das Gasmasken schmelzen und… brennen lassen soll?! Alle Hirnzellen sofort formatieren und die Szene vergessen! Wer denkt sich solchen hanebüchenen Humbug aus? Und damit wollen die Nazis… äh, sorry, die Kaisertruppen noch das Kriegsglück wenden? Wie bescheuert ist das denn? Zumal nur noch einer aus der Heeresleitung, nämlich General Ludendorff, überhaupt noch ein Interesse an der Fortführung des Krieges hat. Wie soll der das denn organisieren? Mal so nebenher seine Kameraden in der Heeresleitung umzubringen kommt einem Putsch gleich. Der Zuschauer soll glauben, der Kaiser nicke das einfach nur ab? Gut, zugegeben: man weiß es nicht, weil der Kaiser nie zu sehen ist. 
Zu Beginn des Films wird Steve von deutschen Truppen verfolgt. Er flog eine einmotorige Maschine und die Deutschen kommen in Ruderbooten und einem Kriegsschiff durch einen dichten Neben hinterher. Das Schiff ist aus unerklärlichen Gründen leckgeschlagen und kippt bedrohlich zur Seite, als es die unsichtbare Wand zur Insel passiert. Warum? Wieso? Ach so: ihr braucht eine total erzwungene Schlacht gegen die Amazonen am Strand. Die Amazonen sind ohnehin total unbrauchbar. Wie ihre Legende errzählt, verstecken sie sich auf der Insel um darauf zu warten, dass sich Ares wieder zeigt, um dann den Menschen wieder den Frieden zu bringen, aber als es soweit ist, kneifen alle außer Diana.
Bevor Dr. Maru ihre tolle Formel perfektionieren kann, stiehlt Steve ihr Notizbuch. Somit kann sie ihre Arbeit nicht beenden, wie sie selber sagt. Später im Film bekommt sie von Ares eine Eingebung verpasst und sie hat die Formel dann doch, um genug Gift für das Finale produzieren zu können. Interessanterweise scheint ihr Notizbuch mit ihrem Hirn gekoppelt zu sein, denn als Steve das Buch in London vorlegt, steht die Formel dort komplett drin.
Diana wuchs in Abgeschiedenheit auf, zusammen mit den anderen Amazonen seit den Zeiten der griechischen Antike. Trotzdem kann sie 200 Sprachen fließend sprechen. Zeit genug zum Lernen hätte sie ja gehabt, aber wie zum Geier kamen die an aktuelle Sprachen heran? Gibt’s einen Postboten mit aktuellen Langenscheidt Ausgaben, der alle Nase lang an der Insel vorbeigeschippert kam?
Warum wissen Steve und seine Kameraden draußen auf der Startbahn, dass der Titanic-Doppeldecker von Ludendorffs Gnaden eine Zeitschaltuhr für die Freisetzung des Hyper-Senfgases hat, wenn doch bloß der Zuschauer die Szene IM Flugzeug sehen konnte? Zunächst besprechen sich die Soldaten, dass 50 Kilometer Fläche verseucht werden, sofern das Gas freigesetzt würde; angeblich unabhängig davon, ob sich das Flugzeug oben am Himmel oder noch am Boden befindet. Das ist absoluter Schwachsinn, aber egal. Es kommt noch blöder: Die Soldaten wissen auch, dass das neue Senfgas eine Wasserstoffbasis hat und Wasserstoff brennt schließlich super gut. Die Plotconvenience ist stark im Drehbuch. Also beschließt Steve sich zu opfern, wenn sie die Freisetzung des Gases schon nicht verhindern können. Er fliegt davon, um in sicherer Entfernung zu seiner geliebten Diana mit der Pistole auf die Drucktanks im Flugzeug zu schießen. Es knallt einmal kräftig und die Gefahr ist gebannt. Seufz! Also entweder hätte man Dianas Sieg über Ares abwarten und dann das Flugzeug sprengen können oder man hätte es in sicherer Entfernung gelandet und dort gesprengt. Sie selber ist schließlich immun gegen das Gas. 

Ist Wonder Woman schlecht? Jein! Er ist…. OK, gemessen an den bisherigen DCCU Filmen sogar gut, was jedoch nichts heißen muss. Von der Qualität ist er in etwa vergleichbar mit dem ersten Captain America Film, den ich ähnlich uninspiriert fand. Man kann sich Wonder Woman duchaus einmal ansehen, doch ins Kino dafür zu gehen, kann ich nicht empfehlen. Allerdings kann man auf der bisherigen Story aufbauen. Wer weiß, vielleicht schafft DC mit dem zweiten Teil sogar einen qualitativen Sprung, wie es Marvel mit Cap gelungen ist.

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