Samstag, 14. Oktober 2017

Do Androids dream of sequels?



Cyberpunk gehört zu meinen liebsten Genres, und das obwohl ich Gibson für unglaublich überschätzt halte. Yes! Blasphemie direkt im ersten Satz. Um mich in aller Kürze zu erklären: mir gefällt die Art und Weise, wie er die Welt in Neuromancer aufbaut, aber seine Schreibe sagt mir überhaupt nicht zu. Durch den ersten Band musste ich mich mit Müh und Not durchquälen. Wie Lovecraft halte ich ihn für einen wundervollen Lore-Schreiber, aber das konkrete Erzählen einer Geschichte, liegt ihm weniger. Zum Glück gibt es Alternativen bei anderen Autoren wie Philip K. Dick oder in Form der Shadowrun Reihe.


Filmisch muss man sich mit deutlich weniger Auswahl zufrieden geben. Das Cyberpunkgenre, welches grundsätzlich auf der Faustformel "High-Tech - Low-Life" aufbaut, kommt oft mit sehr verkopften Themen daher, die sich mit Identitätsfindung, Realitätsverlust, Existenzängsten und Fragen á la "Was bedeutet es ein Mensch zu sein?" bzw "Ab wann ist man eine (lebende) Person?" beschäftigen. Ohne elitär mit dem Finger auf das doofe Gesocks da draußen zu zeigen und sich lauthals darüber zu beschweren, dass sich der Pöbel nur mit KrachPengBumm Filmchen beschäftigen könne und kaum in der Lage sei genug Konzentration aufzubringen, um Dialogen von der Länge eines simplen Hauptsatzes zu folgen, muss ich zugeben, dass Cyberpunk in aller Regel wenig zu guter Laune beiträgt. Damit ist das Genre nun einmal nicht Massenkompatibel.

Und nun kamen innerhalb eines Jahres gleich zwei Cyberpunk Filme in die Kinos. Ende 2016 lief die Mangaverfilmung von Ghost in the Shell und nun tritt Blade Runner 2049 das Erbe des genialen Erstlings von 1982 an. Schafft es Regisseur Denis Villeneuve an das Vorbild anzuschließen? Handelt es sich um einen guten Film oder gar um das vielerorts beschworene Meisterwerk?

Die Antworten lauten Ja, Jein und ein ganz klares Nein!

Im Rahmen der positiven Aspekten sei gesagt, dass das Artdesign nicht mit dem Vorgänger bricht. Im Gegensatz zu Prometheus und Alien:Covenant  ist die Technik nicht urplötzlich viel weiter als in Alien und Aliens, welche in ihrer Handlung weit danach angesiedelt sind. Der Plot hält sich an die im ersten Teil aufgestellten Regeln, die Welt ist ebenfalls konsistent zu dem, was wir bereits kennen. Etwa 29 Jahre sind vergangen und die Erde wirkt noch ein wenig trostloser, als sie es ohnehin bereits war. Sounddesign und Score hinterließen ebenfalls einen sehr guten Eindruck, wenngleich letzerer in manchen Szenen ungewohnt laut eingespielt wurde. Meiner Meinung nach zu laut. Dies kann allerdings der Kinoanlage geschuldet sein. Auch die Schauspieler wurden gut gecastet und machen einen sehr guten Job. 

Über große Teile des Films verlässt sich Villeneuve auf das Show-Don't-Tell-Konzept, was ich sehr begrüße. Exposition-Dump und stundenlanges Zerrede von Details nervt mich in vielen aktuellen Werken.

Zur Handlung selbst verrate ich nur das folgende: wieder dreht sich alles um einen Replikantenjäger (K, gespielt von Ryan Gosling), welcher vom Tyrell Konzern hergestellte künstliche Menschen finden und unschädlich machen soll. Diese Jäger werden auch Blade Runner genannt. Man kann übrigens den neuen Film komplett sehen ohne, dass man Ridley Scotts Film gesehen haben muss. Im Gegenteil: ich würde das sogar als Vorteil sehen.

Und damit kommen wir zu den Schattenseiten von Blade Runner 2049.

Zum einen ist der Film zu lang. Leider ist der Regisseur so sehr in seine Setpieces und Bildkompositionen verliebt, dass er die Einstellungen gerne noch ein wenig länger beibehält als unbedingt nötig. Zwischen zehn und zwanzig Minuten könnte man rausschneiden ohne den Plot zu verfälschen. Dafür würde das Pacing angenehm an Fahrt gewinnen.

Ks Liebesgeschichte wurde unnötig breit ausgewalzt. Die Szenen mit Niander Wallace (Jared Leto) könnte man bspw. komplett streichen. Nicht, dass mich Leto als Schauspieler stören würde, es liegt eher daran, dass der Bösewicht so unglaublich klischeehaft geschrieben und unnötig böse portätiert wurde. Seine Diaglogzeilen stellen den Tiefpunkt des Films dar. Krampfhaft versucht man die Wirkung von Rutger Hauers Abschlussmonolog aus dem ersten Teil zu erreichen. Gewollt ist leider nicht gekonnt. Obendrein ist Wallace Untergebene eine subtilere Gegenspielerin, die Raum für Grautöne lässt und für K eine ausreichend große Bedrohung darstellt.

Der Plot ist nett erzählt, fordert aber deutlich weniger Aufmerksamkeit beim Zuschauer ein, als in Reviews suggeriert wird. Wer nicht zwischendurch ein Nickerchen macht, Zigarettenpausen einlegt oder mit Verstopfung auf dem Kinoklo landet, wird keine Probleme haben der Handlung zu folgen. Alles ereignet sich hübsch nacheinander. Damit keiner was verpasst oder falsch versteht, bereiten die Dialoge das Gesehene in regelmäßigen Abständen auf. Zwar ist es nett Harrison Ford in seiner Rolle als Deckard wiederzusehen, aber spätestens ab seinem Auftreten im letzten Viertel kippt der Film. Als wären die Autoren in den Feierabend geschickt worden, ändert sich der Ton des Streifens. Aus Ks Geschichte wird plötzlich Deckards Geschichte. Man tritt aufs Gas, vermutlich weil man gemerkt hat, dass es stramm auf das Finale zugeht, und man musste sich tatsächlich noch erblöden einen vollkommen unnötigen Twist einzubauen.

Überrascht war ich, dass kurz vor Ende des Films noch ein einminütiges Story-recap eingebaut wurde, um die komplette Handlung Revue passieren zu lassen. Hatte Villeneuve Angst ich wäre eingeschlafen oder zu doof die dünne Handlung zu kapieren? So viel passiert nun wirklich nicht. Die letzten drei Minuten entlassen den Zuschauer mit einem viel zu fröhlichen, dümmlichen Ende. Subtiler wäre es gewesen, die Identität der Figur offen zu lassen. Andererseits: vielleicht plant das Studio ja einen dritten Film und es musste auf alle Fälle bereits Vorarbeit dafür geleistet werden. Ich hoffe nicht. 

Zwar hat man sich eine inhaltlich logische Fortsetzung zur Handlung des ersten Teils ausgedacht, aber Villeneuve gelingt es nicht, der Message eine neue Facette abzuringen oder etwas zur Aussage des Vorgängers hinzuzufügen. Ohnehin waren im ersten Film die Darstellung der Welt und die philosophischen Fragestellungen deutlich wichtiger als der vordergründig erzählte Plot. Die Handlung war nie auf eine direkte Fortsetzung ausgelegt. Es standen keine unausgesprochenen Dinge im Raum, die unbedingt in einem Sequel geklärt werden mussten. Auch war es nicht notwendig evtl. unklar aufgelöste Handlungsfäden in einer Fortsetzung unmissverständlich zu einem Ende zu spinnen.

Wozu also dieser neue Film? Mit Blade Runner ist bereits alles gesagt. Weder beackert 2049 ein neues Thema, noch wird es andersartig aufbereitet. So gesehen ist der neue Blade Runner die klassische unnötige Fortsetzung. 

Villeneuve weiß mit dem Erbe umzugehen und gibt sich sichtlich Mühe niemandem, der Ridley Scotts Film mochte, auf die Füße zu treten. Allerdings bedeutet das auch, dass er sich nichts Neues traut.

Nein, ein Meisterwerk ist Blade Runner 2049 wahrlich nicht geworden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen