Mittwoch, 8. März 2017

Bullet in da head!


Es gibt Tage, da will gar nichts funktionieren. Ständig fällt einem alles herunter, man stößt sich an jeder möglichen und unmöglichen Kante, am besten fallen noch teure Geräte im Haushalt aus oder der Wagen muss ungeplant in die Werkstatt. Obendrein ist das Wetter schon seit Tagen so richtig beschissen, auf der Arbeit wird man von jedem genervt, nachts kriegt man kaum ein Auge zu und ständig steht man im Stau und braucht für fünf Kilometer über eine halbe Stunde. Ich denke Ihr wisst, welche Sorte Tage ich meine.

Kurzum: ich hatte die perfekte Laune, um mir eine Sinfonie in Kopfschuss zu geben. Also rein in John Wick – Chapter 2 und alles wird gut!

Wirklich?


Nun, um ehrlich zu sein, war ich nach dem Film noch schlechter gelaunt als zuvor. Dabei ließen alle Vorzeichen auf einen vollen Therapieerfolg hoffen. Ich mag den ersten Teil sehr und war vom Trailer zur Fortsetzung direkt angefixt. Zudem wurde der Film auch noch vom Team des Vorgängers inszeniert. Leider wollte es irgendwie es nicht Klick machen. Doch beginnen wir von vorne!

Santino, ein alter Weggefährte aus Johns (Keanu Reeves) Zeit als Auftragskiller, schneit bei ihm rein und fordert eine alte Schuld ein. Der Protagonist hat auf die Begleichung derselben keinen Bock und schickt Santino wieder weg. Etwa eine halbe Minute später legt dieser wiederum Johns Heim in Schutt und Asche. Bevor sich der Zuschauer über eine solche Unverschämtheit echauffieren kann wird klar: Selbstverständlich hatte Santino nie vor, seinen alten Freund durch die Granaten umzubringen. Wohlkalkuliert fliegt John durchs Fenster in den Garten und überlebt den Angriff unbeschadet. Wenigstens ist Mr. Wick jetzt richtig sauer und will Blut sehen. Vom väterlichen Freund Winston (Ian McShane) bekommt er jedoch erst einmal den Kopf gewaschen. Gemäß den Regeln der Geheimgesellschaft ist er verpflichtet die Schuld zu begleichen, denn sonst ist sein Leben verwirkt. Erst nachdem er Santinos Auftrag erledigt hat, darf er auch ihn töten. Gesagt, getan. John trifft sich mit Santino, um zu erfahren, wen er ins Jenseits befördern soll…

Auf einen umfangreichen Plot mit unzähligen Twists hatte ich ohnehin nicht gehofft, bestach der erste Teil doch gerade durch seine schnörkellose Geradlinigkeit. Im Grunde wäre mir das hier auch lieber gewesen, denn das Team versucht die Geschichte unnötig aufzublasen und verhebt sich kolossal an der Aufgabe.

Wie man aus der Synopsis vermutlich bereits herauslesen konnte, sah sich der Drehbuchautor genötigt, John in der ersten halben Stunde des Films auf „dumm“ zu eichen, damit die Story überhaupt in Gang kommt. Eigentlich müsste John als Teil der Verbrechergesellschaft wissen, was ihm blüht, wenn er einen Blutschwur bricht. Dass Winston ihm das erst nochmal verklickern muss, stinkt geradezu nach grenzdebilem Writing. Ohnehin wird Exposition im Film meist plump präsentiert. Eine bislang unbekannte Figur taucht auf, sagt zwei, drei Sätze zur gemeinsamen Vergangenheit mit John… und das muss dann auch für die Charakterentwicklung genügen. Aufgrund unzureichend entwickelter Figuren, kann man als Zuschauer auch nur müde mit den Achseln zucken, wenn wieder jemand vorzeitig ablebt. Lobenswerte Ausnahmen stellen Cassius, Santinos Schwester und dessen stumme rechte Hand dar.

Selbst der Bösewicht bleibt bis zum Ende blass. Ja, er ist ein Arschloch, aber wirklich hassen kann man ihn nicht, zumal er sich zumindest anfangs an die Gepflogenheiten seiner Kaste hält. John ist derjenige, der die Spielregeln nicht befolgen will. Obendrein deutet man durch die gemeinsame Vergangenheit von Santino und John an, dass sie eigentlich richtig dicke Freunde sein müssten. Davon merkt man jedoch während des ganzen Films nichts, geschweige man erfährt irgendetwas darüber, was die beiden zusammen vor Johns Ausstieg getrieben haben. Ich bin immer gerne Zeuge, wenn ein Teil des relevanten Plots im Nichts verschwindet. Auf diese Weise generiert man jedenfalls keine Fallhöhe für die Figuren, was der Autor des Drehbuchs, Derek Kolstad, eigentlich wissen müsste.

Auf diesem mageren Level entwickelt sich der gesamte Plot bis zum Ende weiter. Interessant wird es nur dann, wenn Informationsschnipsel über die Geheimgesellschaft an den Zuschauer durchsickern und man durch den Spalt in der Tür erahnen kann, wie viel Mühe und Arbeit sich der Autor mit der Ausarbeitung des Universums gemacht hat. Was sich dort andeutet erinnert mich sehr an Hintergrundinformationen zu Welten in Pen&Paper Rollenspielen. Seufz! Wäre man hier nur tiefer in die Materie eingestiegen…

Der Humor ist auch so eine Sache. Cooles Gehabe und lässige Sprüche wirken idR aufgesetzt und lassen oft gutes Timing missen. Auf der anderen Seite habe ich mich über die Situationskomik scheckig gelacht. Insbesondere das Duell mit den schallgedämpften Pistolen in der Metro blieb mir im Gedächtnis hängen. In solchen Momenten entwickelt der Film einen Charme, der es umso trauriger macht, wie viel Potential verschenkt wurde.

Im Grunde wäre das alles noch verschmerzbar gewesen, wenn die Action stimmen würde. Die erste Szene, ein gerade zu bondesker Einstieg mit einer Actionsequenz zu einem komplett anderen Auftrag, gehört trotz ihres schrecklich hektischen Schnitts noch zu den besten im Film; hauptsächlich deshalb, weil hier mehr Abwechslung geboten wird. Sobald John eine Knarre in die Finger bekommt, hätte man drei Morde aufnehmen und im Loop laufen lassen können. In den Schusswechseln kommt nur stellenweise Spannung auf. Die meiste Zeit über, war die Choreographie der Kämpfe belanglos und uninspiriert. Auf Dauer verkommen die Schießereien zu ermüdenden Überleitungen bis zur nächsten Szene. Da ziehen selbst die teilweise wirklich netten Setpieces nicht mehr die Wurst vom Brot.

Im ersten Teil waren die Actionsequenzen auf den Punkt und fühlten sich auch persönlicher an. Sobald es jedoch in den reinen Nahkampf geht, sieht die Sache wieder anders aus. Plötzlich passen Tempo und Schnitt auffällig oft zusammen. Davon hätte ich gerne mehr gesehen.

Am Ende des Films wurde ich den Eindruck nicht los, dass Regisseur Chad Stahelski den gleichen Stunt im Sinn hatte, der Gareth Evans mit The Raid und dessen Nachfolger gelungen war. Doch anstatt sein Universum ein wenig auszubauen, dem Plot und den Figuren mehr Raum zu geben und das Ganze mit ausgefeilteren Kämpfen zu garnieren, verließ sich Stahelski zu sehr auf die Fortsetzungsstandardformel: möglichst wenig Experimente und einfach nur mehr von dem, was die Leute am ersten Teil mochten. Am Ende muss die Skript Idee so ausgehen haben: „Bring John auf Teufel komm raus in den Wick-Modus und lass ihn in seinem Hass einfach alles Killen, ohne Köpfchen zu zeigen und das Problem kreativ zu lösen!“

Bitte nicht falsch verstehen! Damit ist John Wick – Chapter 2 immer noch deutlich besser als viele Genrekollegen, bleibt jedoch weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Somit bleibt nur noch abzuwarten, ob die Fortsetzung der Fortsetzung genauso überflüssig sein wird. Denn die wird auf jeden Fall kommen.


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