Samstag, 25. Februar 2017

Schleich Dich!


Spätestens seit Game of Thrones sollte auch dem letzten Deppen klar geworden sein, dass sich jeder in eine gut sichtbare Zielscheibe verwandelt, sobald er einen Thron besteigt. An Feinden mangelt es jedenfalls nicht. Das einfache Volk schimpft ohnehin auf das „Dreckpack da oben“ und Adelige neiden einem die bessere Stellung. Solange sich die einfachen Untertanen nicht zu einem Lynchmob zusammenschließen, geht von ihnen immerhin keine Gefahr aus. Deutlich heikler sind da die Aristokraten, die man sich schon von "Berufswegen" nur schwer vom Hals halten kann. Das wurde Kaiserin Jessamine Kaldwin bereits im ersten Dishonored Spiel zum Verhängnis. Sie wurde vor den Augen ihres kaiserlichen Bodyguards und alter Ego des Spielers, Corvo Attano, ermordet und ihre gemeinsame Tochter Emily entführt. Corvo landete umgehend im Kerker und fand sich völlig verdutzt in der Rolle des Bauernopfers wieder. Also musste der Spieler aus dem Gefängnis ausbrechen und in den folgenden Spielstunden seine Unschuld beweisen, eine Verschwörung aufdecken und seine Tochter befreien. Ende gut, alles gut! … Nicht?



Nun, es wäre ein ziemlich langweiliges und kurzes Spielvergnügen, wenn sich Dishonored 2 im Friedefreudeeierkuchendasein ergehen würde. Fünfzehn Jahre sind inzwischen vergangen und Emily herrscht als Kaiserin. Corvo hält sich als Emilys Schutzherr stets in ihrer Nähe auf. Bislang blieb es angenehm ruhig. Wenn nicht ein mysteriöser Attentäter sein Unwesen treiben würde, wäre man beinahe sorgenfrei. Seltsamerweise hat es der Mörder nur auf lautstarke Kritiker der Kaiserin abgesehen, was ihm den Namen „Kronenmeuchler“ einbringt und allerhand Verschwörungstheorien ins Kraut schießen lässt. Könnte es sein, dass die Kaiserin gezielt ihre Gegenspieler aus dem Weg räumen lässt?! Klingt nicht nach einer gerechten Herrscherin.

Die Dreadful Whale ist unsere Basis

Emilys Position ist beim Besuch des Herzogs von Serkonos daher bereits so stark geschwächt, dass es zum Staatsstreich kommt. Die Verschwörer bei Hofe demaskieren sich, bringen alle Kaisertreuen um und ebnen Emilys Tante Delilah den Weg zum Thron.


An dieser Stelle wird es für den Spieler zum ersten Mal richtig interessant. Denn nun kann er sich entweder dazu entscheiden, ob er das Abenteuer als Corvo oder als Emily bestreiten will. Je nachdem wie ihr eure Wahl trefft, wird einer der Beiden versteinert, während der oder die andere fliehen muss. Das hat nicht nur auf euer Aussehen und eure Stimme Einfluss, sondern aufgrund der unterschiedlichen Fähigkeiten auch auf eure Spielweise. Emily als Kaiserin ist übrigens nicht weniger interessant zu spielen als ihr kampferprobter Vater. Sie ist mitnichten ein wehrloses, zartes Ding. Unter dem geheimen Training ihres Vaters, hat sie gelernt zu Kämpfen und weiß mit allen zur Verfügung stehenden Waffen umzugehen. Da ich sehen wollte, was Emily so auf dem Kasten hat, ging ich den ersten Durchgang mit ihr an.



Bereits am ersten Teil mochte ich besonders, dass ich als Spieler selber bestimmen kann, wie brutal, wie laut und wie rücksichtslos ich vorgehe. Wenn Stealth möglich ist, ziehe ich diese Spielweise vor, zumal diese Spielweise häufig die größere Herausforderung darstellt. Eine Sache jedoch hat man seit dem ersten Spiel nicht in den Griff bekommen. Wenn ein Gegner durch widrige Umstände ums Leben kommt, weil er beispielsweise in die Klinge eines Kameraden rennt, wird der Kill dem Spieler angerechnet. Das erschwert es unnötig möglichst ohne Todesfall das Ende zu erreichen. Um solche Situationen zu vermeiden, sollte man vorm Spielen eine Portion Extraleise einnehmen und am besten Fliehen, falls man doch mal von mehreren Gegnern entdeckt wird. Im Gegensatz zu den meisten anderen Spielen haben viele Kills Auswirkungen auf die Spielwelt. Ja nachdem ob man Leben verschont oder sich „Collateral Damage!!!“ brüllend in die Gegnerhorden stürzt und Hälse schneidet, arbeitet man auf ein optimistischeres oder zynischeres Ende hin.

Mit dem Mal des Outsiders erlangt Emily magische Kräfte.

Typisch für Spiele der Arkane Studios (u.a. Arx Fatalis; Dark Messiah of Might & Magic) kommt auch Dishonored 2 nicht ohne RPG Elemente aus. Überall in den Levels wurden Runen und Knochenartefakte versteckt. Mittels eines mechanischen Herzens kann man ihre ungefähre Position ermitteln, aber oft genug ist es mit etwas Arbeit verbunden den Weg zum Ziel zu finden. Knochenartefakte verbessern einzelne Statuswerte, erhöhen etwa den Nahkampfschaden oder lassen den Spieler weiter springen. Mittels Runen verstärkt man beispielsweise körperliche Eigenschaften oder erwirbt magische Fähigkeiten. Ja, auch im zweiten Teil sind wieder Zaubersprüche mit an Bord. Als Emily kann man sich unter anderem Teleportieren, in einen Schatten verwandeln oder einen Doppelgänger beschwören, der Gegner ablenkt. Interessanterweise können nahezu alle Fertigkeiten in beiden Spielweisen nutzbringend eingesetzt werden. „Domino“ lässt den Spieler je nach Ausbaustufe zwei bis vier Gegner miteinander koppeln. Gemäß dem Motte „Wenn mir jemand auf die linke Wache schlägt, fällt auch die rechte hin.“ wird all das, was man dem ersten Gegner antut auf alle anderen übertragen. Würgt man ihn bewusstlos, fallen alle in tiefen Schlaf. Verzaubert man Nummer eins mit Mesmerisieren, verlieren auch die anderen ihr Kurzzeitgedächtnis und vergessen, dass sie gegen euch kämpfen wollten.

Noch schaut es recht friedlich aus...
 Man kann die verschiedenen Kräfte also auch koppeln. Warum nicht einen Doppelgänger beschwören, dann per Domino mit unerreichbaren Gegnern verknüpfen und anschließend das eigene Abbild meucheln? Nicht nur die Art und Weise wie gewaltsam man das Spiel lösen möchte, auch die unterschiedlichen Kräfte der beiden spielbaren Charaktere laden zu einem erneuten Durchgang ein. Wer will, kann sich auch dazu entschließen komplett auf Magie zu verzichten. Nach der ersten Mission begegnet man in einem Traum dem Outsider. Dabei handelt es sich um ein übernatürliches Wesen, das von einer Art Paralleldimension aus die Menschen beobachtet und interessanten Figuren sein Mal anbietet, welches Zauberkraft verleiht. Das macht er jedoch nicht aus einer altruistischen Laune heraus, sondern schlicht weil es ihn unterhält. Daher geschieht es hin und wieder, dass man im Laufe der beiden Spiele Gegnern begegnet, die ebenfalls das Mal besitzen.


Die Levels strotzen nur so vor Details, sind weiträumig angelegt und laden zum ausgiebigen Erkunden ein. Immer wieder stößt man auf Bücher und Notizen, kann Safes knacken (sofern man die richtige Kombination findet), lauscht Sprachaufnahmen von Audiographen und sollte Gegnern aus einem sicheren Versteck heraus ein Ohr leihen. So erfährt man nicht nur von versteckten Schätzen, Zugangswegen und dergleichen mehr, nein, bei diversen Gesprächen kommt durchaus Zweifel auf, ob man es mit gewissenlosen Halsabschneidern zu tun hat oder einfachen Befehlsempfängern, die lediglich ihren Job machen. Der Spieler wird also durchaus dazu angeregt die eigene Spielweise zu reflektieren.

Am hellichten Tage zu Schleichen, erscheint eine unmögliche Herausforderung zu sein, ist aber immer machbar.

Die Gegner reagieren meist sehr intelligent und greifen in aller Regel in Gruppen an. Lediglich an Engpässen hakt es dann und wann mal, wenn man sich gegenseitig im Weg steht und man nacheinander die einzelnen Gegner auf die Matte schicken kann. Vorsicht übrigens vor Zivilisten in Sperrgebieten! Auch sie rufen die Wachen, wenn sie euch sehen. Schön ist ebenfalls, dass die NPCs erkennen, wenn etwas fehlt oder eine Tür auf ist, die zuvor noch geschlossen war. Das erhöht die Immersion ungemein.

Manchmal bedarf es den Einsatz von Hirnschmalz, um die Kombination von Tresoren zu finden.
In das Artdesign hatte ich mich bereits im ersten Dishonored verliebt. Hier werden noch mehr Details aufgefahren und das Streampunk Setting herrlich schön ausgeschmückt. Lediglich die Darstellung von Wasser und die Gesichtsanimationen gehören nicht zu den Stärken von Arkane. Beides ist vorhanden und... zweckmäßig. Zu viel sollte man nicht erwarten.

Es verschlägt den Spieler an allerhand düstere Orte.
Dafür kann das Voiceacting überzeugen. Dem Outsider hat man in vielen Szenen zu viel Hall auf die Stimme gelegt, weshalb er nur schwer zu verstehen ist. Glücklicherweise handelt es sich um eine Ausnahme. Insgesamt bietet Dishonored 2 ein herrliches Gesamtpaket aus gutem Leveldesign, Gameplay, gut erzählter Story, wiedererkennbaren Charakteren und verhältnismäßig langer Spielzeit. Wer es eilig hat zum Ziel zu kommen, muss nur etwa zehn Stunden einkalkulieren. Alle erkundungsfreudigen, gewaltfreien Spieler dürfen locker das doppelte einplanen.



Wer den ersten Teil mochte, schlägt ohnehin zu; alle anderen, die ein Faible fürs Genre haben und Titel wie Thief gesuchtet haben, sollten auf jeden Fall einen Blick riskieren.

Gespielt wurde auf der PS4 Pro. 

Galerie

Nester mit Blutfliegen sollte man umgehend vernichten.

Viele Wege führen ans Ziel. Meist lohnt es sich, nah der Decke zu bleiben.

Auf dem Bild kann man den plastikhaften Look des schweren Seegangs bereits erahnen.

Schöne Lichtstimmungen liegen Arkane eher.


Bettler verraten gegen ein kleines Entgelt Geheimnisse.

Spannen erlaubt! Immer vorm Betreten eines Raums durchs Schlüsselloch schauen. 


In diesem Level befindet man sich in einem Haus, das verschiebbare Wände, Decken und Böden hat. 


Jeder Bossgegner lässt sich auch gewaltfrei ausschalten.


Ich habe selten so schön und detailliert ausgestaltete Levelarchitektur gesehen.

Jede Szene atmet Steampunk Atmosphäre.







Nein, ihr habt keinen Knick in der Optik. Man reist in diesem Level...

... durch die Zeit und kann in der Scherbe die jeweils andere Zeitlinie sehen.

Der Boss dieses Levels hat einen Palast, der eines Bondbösewichts würdig wäre.



Level Nr. 8 von 9 lässt schon fast Urlaubsstimmung aufkommen.


In unserer Abwesenheit hat Dunwall ziemlich gelitten.


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