Sonntag, 6. Februar 2011

Homebrewed Horror Movie


So, Leute! Heute geht´s ausnahmsweise mal NICHT um die mediale Bespaßung, die uns den grauen Alltag verschönert, sondern um den kleinen Horrorfilm, den ich letzte Nacht erleben durfte. Regie muss Uwe Boll oder Roland Emmerich geführt haben. Das Skript war grauenhaft, die Kamera total verwackelt, das Bild meist unscharf, und die Darsteller waren zu später Stunde auch nicht mehr schön anzusehen. .... Moment mal... da hab ich mir ja grad ein Eigentor geleistet... whatever!?
Beginnen wir am Anfang:



Kurzbeschreibung der abendlichen Aktivität: mit einem guten Freund in seine alte Heimat düsen und dort mit einem seiner Freunde dessen Geburtstag begehen. Es war eine runde Zahl und daher war auch eine größere Aktion geplant. Außer dem Geburtstagskind und meinem Kumpel kannte ich da kein Aas. Aber die Lockmittel: "Hey, es gibt dort seltsame Menschen, Essen und Alkohol!", verfehlten ihre Wirkung bei mir nicht. Klang spaßig und das war es auch größtenteils.
Damit Ihr Euch ins Setting einfühlen könnt stellt Euch ein altes renoviertes Haus vor, sehr urig, verwinkelt mit sehr viel verbautem Holz an den Wänden, Böden und Decken. Jeder Schritt knarzte und man konnte die Interaktion mit den Dielen im Boden sogar fühlen. Passend dazu stand das Haus ein gutes Stück außerhalb der Ortschaft am Rand zu einem düsteren Wald mit einem Steilhang. Davor ein schmaler Flusslauf. Um uns herum gab es also nichts; GARNICHTS!

Das hat natürlich zum Vorteil, dass man beim Feiern garantiert nicht die vom Nachbarn angeforderten hunderschaften Bullen mit Zähne fletschenden Hundestaffeln abwimmeln muss. Jaja, jeder, der mal einen Altnazis neben sich wohnen hatte, musste lernen, dass Ruhestörung ein Kapitalverbrechen ist, für das man mindestens kopfüber an den Sackhaaren aufgehangen werden sollte, oder am besten gleich Todesstrafe.
Der Nachteil so weit draußen zu feiern: wenn du Hilfe brauchst, hört dich kein Schwein!!

Über den letztgenannten Faktor nachzudenken sollte ich noch Gelegenheit bekommen. Später… Die Gastgeber waren super, das Essen wirklich gut, und da ich Umweltschutz für eine tolle Sache halte, gab mir das kaltgestellte Krombacher die Möglichkeit nebenbei noch ein paar Quadratmeter Regenwald zu retten. Die Gäste waren nicht so seltsam wie versprochen, aber freiwillig wollten die meisten nicht mit einem reden. „Das ist hier immer so, wenn Fremde da sind! Siegerländer sind da halt so!“ Man versicherte mir, dass man Lynchmobs, Kreuzzüge gegen Atheisten und Teeren und Federn vor ein paar Wochen auch in diesem Landstrich abgeschafft hätte und ich war soweit beruhigt, ohne ernsthafte Konsequenzen den Ureinwohnern Gespräche aufzwingen zu können. Saufen alleine ist nun mal nicht alles.

Schüchtern nur und sehr zögerlich reagierten die Probanden auf meine zaghaften Versuche der Kontaktaufnahme.
„Na! Auch schon auf dem Klo hier die Sache mit dem Stöckchen ausgetestet?“
Irritierte Blicke. Stille. Verlegener Blick in den eigenen Becher… verdammt! Ich hätte Glasperlen mitbringen sollen. Hätte bestimmt das Eis gebrochen.
Leute, wenn Ihr da hoch fahrt, nicht aufgeben! Auch die steifste Gesellschaft kann sich nicht auf Dauer wehren und muss dann doch mit Euch reden.

Wie zu erwarten löste sich der Großteil der Gesellschaft zeitig auf. Ein Blick auf die Uhr und ich stelle verwundert fest: „Oi, schon halb zwei durch.“ Jens und ich waren schon seit etwa fünf Uhr am trinken, aber es war einer dieser Abende, an denen man oben nachfüllen kann und man wird trotzdem nicht voller. Vielleicht lag´s auch am neuen Pfeifentabak, den sich mein Kumpel gekauft hatte. Jedenfalls vergingen noch einige Stunden, bis wir wieder die Letzten waren und ebenfalls schlafen gehen wollten. Nun war es so ruhig geworden, dass man alle Geräusche im Haus verstärkt wahr nahm. Dazu noch das finstere Flair des Waldes und aus der gemütlichen Stimmung sollte schon bald eine Achterbahnfahrt des Grauens werden.

Wir sollten zu dritt auf einer Art Dachboden schlafen, der aber zum Festsaal hin offen war. Jens requirierte direkt das Feldbett. Das sollte sich für mich noch rächen. Auf dem Boden lagen noch zwei Matratzen. Rechts lag bereits selig ratzend eine Frau, die… sagen wir mal diplomatisch: nicht so ganz mein Typ war; N.E.T.T. halt.
Für alle, die nun die Stirn runzeln: das ist ein englisches Akronym, das durch mysteriöse Umstände seinen Weg in den deutschen Sprachgebrauch gefunden hat und schlicht für „Never Ever Touch This!!!!“ steht.

War aber auch egal, schließlich wollte ich nur zwei Meter zum knacken und meine Ruhe haben. Kaum am Wegdösen fingen dann die Geräusche an. Diese Frau hat einen Sound produziert, bei dem Gollum neidisch geworden wäre. Solange diese Schallwellen sich durch meine Ohren ins Gehirn frästen, war an Schlafen nicht mehr zu denken. Der Alkohol trug dann seinen Teil dazu bei, dass mir so langsam die horrorfilmartige Stimmung bewusst wurde. So ein Wald kann auch unheimlich sein. Und die Geräusche des Hauses im Dunkeln waren auch nicht von schlechten Eltern. Dazu noch die Turbine nebendran und fertig waren alle Grundzutaten für anständige Paras.

Die Soundkulisse schwoll an und ab und es kamen Geräusche dazu, die mit anderen ringten und gegenseitig die Dezibel zerschredderten. Ehrlich! Das klang hinter meinem Rücken als würde da Kafkas Verwandlung durchgezogen werden. Was würde mich wohl erwarten, wenn ich mich umdrehe? Ein Werwolf? Werinsekt? Ein Warg? Ein Politiker gar?! Am besten war es sich gar nicht zu bewegen. Kurz war Ruhe und ich dachte erleichtert: egal was das grade war, es scheint vorüber.

Doch zu früh gefreut! Auf einmal dreht Es sich schwungvoll um die eigene Achse und ich spüre einen heißen Atem im Nacken. Nur Zentimeter konnten mich von dem Biest trennen, das da hinter mir aus der Nacht gewachsen war.
Schluck!
Ich schwöre! Ich konnte hören wie sich die Nüstern blähten!
Doppelschluck!
Vielleicht nimmt es mich ja nicht wahr, wenn ich mich gar nicht rühre… so wie in Jurassic Park! Die Hoffnung stirbt zuletzt, ABER sie stirbt! Plötzlich hörte ich in meinem Kopf John Williams Soundtrack aus „Der Weiße Hai“; die Stelle kurz bevor er angreift;

Nein, nein, nein…. Ahhhh! Ein Arm wird um mich gelegt und mit dem linken Bein probiert s einen Wrestling Klammergriff!
IIEEKS!!!!
Scheiße…. Das war´s dann wohl. Tschüss Lars! Das war dein Leben. Es war kurz und beschissen, aber wenigstens kannst du noch als schlechter Treppenwitz in den Horrorfilmabteilungen der Videotheken dieser Welt die Jugend vor solchen Situationen warnen.
So, jetzt beißt Es dir gleich die Kehle durch. Sag brav Atta und sei dann still, bevor du noch die Stimmung versaust.

Aber der finale Todesstoß ließ auf sich warten. Die Gelegenheit muss genutzt werden. OK, wie komme ich hier raus ohne mit dem Leben zu bezahlen oder periphere Extensionen meines Körpers zu verlieren?
Was würde William Shatner jetzt tun? Ich hatte kurz das Bild vor Augen, wie ich in ein lächerliches StarTrek Classic Kostüm gezwängt, mit eingezogenem Bauch, ein Echsenmonster im Raumanzug niederringe und verwerfe den Gedanken sofort wieder.

Was würde Rincewind, der schlechteste Zaubbberer der Scheibenwelt, nun tun? Ich habs! WEGRENNEN!
Da hätte ich auch früher drauf kommen können. Irgendwie konnte ich mich aus dem Griff lösen, die Wand, an die ich gepresst worden war, zum hochziehen nutzen und schlich auf Zehenspitzen zwei Stockwerke tiefer. DAS KLO! Es war abschließbar! Die Rettung. Kaum hatte ich mich hingesetzt, erklangen von oben seltsame Geräusche.
Knarz! Knarz!
KNARRZZZZ!
Knarz!
Knarrz!

Oh, oh, es hat meine Flucht bemerkt und hat Fährte aufgenommen. Mir wird für einen Moment die Seltsamkeit des Gedankens bewusst und ich frage mich, ob Jens Pfeifentabak wirklich so astrein war, wie er mir versichert hat. Ob da nicht noch ein paar Gewürze drunter gemischt waren!? Es würde einiges erklären.
Sich nähernde Schritte die Treppe runter, unterbrachen den rationalen Moment und die Angst kroch wieder den Rücken hoch. So, nun isses raus: mir ging die Muffe, ich hatte SCHISS!

MIST! Es kommt zum Klo. Mein Fluchtweg ist abgeschnitten. Ich kann doch nicht die ganze Nacht hier sitzen bleiben. Andererseits… warum nicht?! 
Dann fiel mir wieder ein, dass es zwei Klos gab, die an der Decke durch ein Luftloch miteinander verbunden waren, das wohl zum besseren Austausch von phonetischen und olfaktorischen Neckereien gedacht war.

Es hat sich selber eingeschlossen! SUPER! Ich sehe wieder zu Land zu gewinnen. Schnell noch das Stöckchen benutzt und ab dafür.
MIST! Es hat sich befreit und kommt mir nach!

Ich konnte mich gerade noch so, mit einem Hechtsprung ins Dunkel hinter der Theke retten. Jetzt war Fresse halten angesagt. Kein Mucks und Es verliert vielleicht das Interesse.
Endlich hatte ich mal wieder Glück und Es ging wieder zur Liegestatt. Erleichtert atmete ich auf und schlich vorsichtig zum Schaukelstuhl. Jedes Mal, wenn mein Gewicht einer Diele ein Knarzen entlockte, hielt ich kurz inne und hörte in den Raum rein. Ahhhh…. es schläft immer noch. Im Schaukelstuhl sitzend, versuchte ich zu schlafen, aber vom Adrenalin aufgepeitscht, wünschte ich mir lediglich eine Schrotflinte zur Selbstverteidigung.
Ich liege auf der Lauer, hab aber keine Waffe ausser einem Hasenfuss... bin ich total bescheuert!?

Schließlich wurde ich doch noch müde, versuchte aber wach zu bleiben, für den Fall, dass Es wieder auf Jagd geht. Aber der Schlaf übermannte mich dann doch noch. Allerdings konnte ich noch an drei Freunde einen Hilferuf mit dem Handy absetzen:

„HILFE!! Hier läuft gerade die Live-Aufführung von „Die Körperfresser kommen“ und ich muss mitspielen!!! Hoffentlich schaffe ich es ohne Verlust der peripheren Eingabegeräte nach Trier zurück! Mehr in der nächsten Folge von „Lars im Kannibalenland“ nach geglückter Flucht.“
Erst heute Mittag (!), erreichten mich die ersten Kondolenzbekundungen (SUBTEXT! ^^) aus Kiel:
„Deine Nachricht bedarf keiner Interpretation. Kontaktiere er mich, falls besagte Kreaturen abermals versuchen, seiner Männlichkeit habhaft zu werden! Ich hau den Schlampen dann eine vorn Koffer!“

Nach kurzem unruhigen Schlaf wachte ich auf, als Jens die Treppe herunter kam. Zuerst hatte ich ein schlechtes  Gewissen. Schließlich hatte ich ihn bei meiner Flucht seinem Schicksal überlassen, aber dann gab er zu, dass er die ganze Zeit wach gewesen war. Und er hat nichts getan um mir zu helfen!
WAS IST DAS NUR FÜR EINE GRAUSAME WELT!?
Naja, was soll´s?! Ist ja nochmal gut gegangen. Wir tauschten kurz Blicke aus, dann zum Fenster hinaus und Jens sprach die erlösenden Worte: „Wir fahren jetzt besser!“
Danke!

Euch allen ein schönes Leben. Und hütet euch vor urigen Hütten voller fremder Menschen, die vorgeben lediglich ein harmloses Fest ausrichten zu wollen.  Vielleicht liegt bei Euch ein Monster, das erst in der Stille der Nacht den Schafspelz ablegt und nur Beute in Euch sieht.

Aber wenn ihr mutig seid, tretet ein! Ihr seid willkommen in der Twilight Zone.

PS: Eine überbordende Phantasie kann echt beschissen sein.

Kommentare:

  1. Na ja, so schlimm war es dann in der Tat auch nicht. Dass ich nichts getan hab um dir zu helfen lag auch eher daran, dass ich dem Alkohol in der Blutbahn zeit geben wollte, denn immerhin musste ich ja noch autofahren...

    Alles in allem hab ich aber schon viel schlimmere Feiern erlebt, die hier war in Ordnung :-)

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  2. Schlimmer waren wohl damals nur die Ausflüge mit der Arbeiterwohlfahrt :P ^^

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