Dienstag, 10. März 2009

Watchmen

In einer feuchtkalten Oktobernacht des Jahres 1985 wird der maskierte Verbrecherschreck und amerikanische Nationalheld Edward Blake, auch bekannt als der Comedian, in seiner Wohnung umgebracht. Da seit 1977 per Erlass der Regierung alle Superheldenaktivitäten verboten wurden, war die Chance groß, dass niemand von Belang von diesem Vorfall Notiz nehmen würde. Wäre da nicht Rorschach, der sich immer noch dem Erlass widersetzt und weiterhin auf Verbrecherjagd ist. Geht etwa ein Maskenmörder um? Rorschach beschließt seine alten Kollegen zu informieren und stellt Ermittlungen an, die ihn an dunkle Orte führen wird.

"Und alle Huren und Politiker werden aufschauen und rufen: Rettet uns! ... und ich
werde flüstern.... NEIN!"


"Unverfilmbar!" haben viele geschrien als der Herr der Ringe für das Kino adaptiert wurde. Nun wissen wir: ja, scheinbar ist der Herr der Ringe (noch) unverfilmbar. Schließlich kam ausser schimmlig feuchter Grütze nicht viel zustande. "Unverfilmbar!" hiess es auch unter den Comic-Lesern, als bekannt wurde, dass Zack Snyder (300, Dawn of the Dead) "Watchmen" ins Visier nahm. Schließlich gilt die Geschichte um zwei Generationen maskierter Helden und Schurken zu den Klassikern im Genre und wurde vom Time Magazine als einziger Comic in die Liste der wichtigsten Romane seit 1923 aufgenommen. Somit war die Sorge groß, ein flaches Actionfilmchen zu bekommen, das wie so oft mit der Vorlage nicht viel zu tun hat.

"Watchmen" Schöpfer Alan Moore gilt höchstselbst als größter Kritiker der Verfilmungen seiner Comics und verweigerte auch in diesem Fall die Zusammenarbeit mit Hollywood.


"Quis custodiet ipsos custodes?"

Somit war nur Zeichner Dave Gibbons als beratende Kraft am Set und sorgte für eine möglichst werkgetreue optische Umsetzung. Sets, Kostüme, Bildaufbau und Positionen der Schauspieler lehnen sich sehr stark an die Vorlage an. Aber auch inhaltlich schaffte Snyder den Spagat zwischen sperriger Vorlage und begrenzter Filmzeit. Sinnvoll werden Szenen gekürzt oder zusammengelegt ohne die Spannung zu beeinträchtigen. Hin und wieder wird die Geschichte in Details verändert. Aber stets so, dass die Handlung gestrafft werden kann ohne unsinnige neue Erzählstränge zu erfinden, wie das in der "Herr der Ringe" Verfilmung geschehen ist. Besonders in der ersten Hälfte ist die Geschichte sehr episodenhaft, was aber dem Erzählstil der Vorlage geschuldet ist und so jeder Figur genug Freiraum bietet um sich zu entfalten und ihre eigene Geschichte zu erzählen. Zwar fielen auch einige Handlungen der Schere zum Opfer, die den Comic erst zu einem sehr komplexen Klassiker machten, doch funktioniert das Medium Film nun einmal anders. Ansonsten wäre der Film viel zu lang geworden; geht er doch auch so schon über zweieinhalb Stunden. Zudem umgeht Snyder durch das leicht geänderte Ende die Gefahr, dass Trash-Faktor Einzug hält. So wurde dem Leser ein künstlich erschaffenes Tentakel-Monster präsentiert, das eine Stadt und Millionen Menschen vernichtet.

"Ihr habt noch nicht kapiert, dass nicht ich mit euch hier eingesperrt bin. IHR seid hier mit MIR eingesperrt!"

Doch was hat die Story denn zu bieten außer Superheldeneinerlei? Eine ganze Menge.

So wie bei den aktuellen Batman-Filmen sind fast alle Figuren in "Watchmen" Menschen ohne Superheldenfähigkeiten, die sich bloß aus einer Laune heraus kostümieren und Verbrecher den Garaus machen. Lediglich Doctor Manhatten besitzt nahezu allmächtige Kräfte. Nach einem Reaktorunfall wurde er zu einer Art Übermensch. Doch durch seine Fähigkeiten entfernt sich Doc Manhatten immer weiter von den Menschen. Ihm ist es nun nahezu unmöglich Gefühle zu empfinden. Während er einfach die Moleküle seiner Gegner neu anordnet, müssen sich die anderen - Night Owl, Silk Spectre, Rorschach oder Ozymandias - auf konventionelle Art durch die Gegnerreihen prügeln.


"Der klügste Mensch ist für mich nicht gefährlicher als die klügste Termite."

Zudem unterscheidet sich die Welt der Watchmen in einigen wichtigen Details von der unseren. Amerika gewann dank Doc Manhatten den Vietnamkrieg, Nixon wurde für eine dritte Amtszeit gewählt und scheint alle Hebel bewegen zu wollen, um seinen Posten als Präsident ewig behalten zu können und die Menschheit steht in den 80ern vor einem Dritten Weltkrieg. Die Helden in dieser dystopischen Welt haben alle Schwächen und manche gar Verfehlungen, die sie sogar eher für die Rolle der Bösewichte prädestinieren. Gerade der zu Beginn der Geschichte ermordete Comedian war ein menschenverachtendes Schwein, das Frauen missbraucht, Schwangere und Kinder tötet und sich dafür auch noch feiern lässt. Doch haben die Helden diese düstere Welt erschaffen oder wurden eher sie durch diese so verändert? Rorschach beispielsweise blickte in die Abgründe der menschlichen Seele und kennt seitdem keine Gnade mehr.

Andere resignierten und wiederum andere haben ihre Werte verschachert. So steuert die Geschichte scheinbar unaufhaltsam auf den Weltenbrand zu. Doch kann die reinigende Katharsis auch auf andere Art erreicht werden?


"Wir sind alle Marionetten. Ich bin nur eine Marionette, die die Fäden sieht."

Doch bei aller düsteren Stimmung bleibt auch Zeit für ein wenig (schwarzen) Humor. Hin und wieder gelingt es Snyder über den Soundtrack den Zuschauer zum Schmunzeln zu bringen. Etwa wenn Nenas "99 Luftballons" das Wiedersehen alter Freunde einleitet oder Cohens "Halleluja" Night Owls ersten Geschlechtsakt seit ewigen Zeiten begleitet. Hatte er sich doch schon impotent gewähnt und erst durch das Überstreifen seines alten Kostüms wieder für frisches Blut in den Gliedern gesorgt - hüstel. Dem Comicleser mag übel aufstoßen, dass Snyder die Action weiter ausgebaut hat und in diesen Szenen für ordentlich Gore sorgt. Zwar übertreibt er es stellenweise ein wenig mit den Splatterszenen, allerdings beeinträchtigt dies das düstere, dreckige Szenario nicht.

Das eingangs erwähnte lateinische Zitat, erscheint immer wieder im Film, so wie auch in der Comicvorlage und ermahnt uns alle die Augen aufzuhalten. Denn: "Wer wacht über die Wächter?"

9 von 10 JFKs

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