Donnerstag, 12. Februar 2009

Reverse engeneering

Der seltsame Fall des Benjamin Button

Geburt, Kindheit, Erwachsenenalter, Greisendasein, Tod - klingt eigentlich logisch und nachvollziehbar. Für Benjamin Button (Brad Pitt) jedoch steht der Lebenszyklus Kopf. Am Ende des ersten Weltkrieg wird er als alter Mann geboren. Mit allen dazugehörigen Gebrechen wie Arthritis, Altersflecken, Grauem Star und Taubheit bietet er einen elenden Anblick. Dass seine Mutter im Kindbett stirbt, versetzt seinen Vater in solche Wut, dass er die vermeintliche Missgeburt vor einem Altersheim aussetzt.

Dort wird er prompt auf den Stufen von einer Angestellten des Heimes gefunden. Die religiöse Queenie schließt in direkt in ihr Herz und nimmt ihn bei sich auf. Doch obwohl ihm ein kurzes Leben vorhergesagt wird, wächst Benjamin als greises Kind unter echten Greisen auf. Wie der Lauf des Lebens so ist, sieht er im Altersheim immer ein neues Gesicht, wenn das alte zum Friedhof gegangen war. Schon sehr früh ist der Tod Benjamin ein Vertrauter, den er nicht fürchtet, sondern der einfach da ist. Trotzdem bricht diese Tatsache kein bisschen Benjamins Lebenslust. Mit neugierigen, wenn auch kurzsichtigen, Kinderaugen erforscht er seine Umwelt und traut sich irgendwann aus dem heimischen Nest um auf einem Schleppschiff zu arbeiten und die Welt zu sehen. Doch auch wenn er auf Reisen geht bleibt das Altenheim Dreh- und Angelpunkt. Schließlich hat er dort seine Jugendliebe Daisy (Cate Blanchet) kennen gelernt, die nur sechs Jahre jünger ist als er und eine große Karriere als Baletttänzerin vor sich hat.

Benjamins Reise durch die Jahrzehnte wird eingebettet in Daisys letzte Stunden vor ihrem Tod als alte Frau. Sie gibt ihrer Tochter Benjamins Tagebuch um daraus vorzulesen. So kann Regisseur David Fincher einen großen Teil der Geschichte mit Benjamins Stimme aus dem Off erzählen, was tiefe Einblicke in dessen Seelenleben ermöglicht. 

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie was man bekommt.“
 
Moment mal: Stimme aus dem Off, ungewöhnliche Persönlichkeit, Einblicke in ein Leben in verschiedenen Dekaden, eine lange währende Jugendliebe - das erinnert frappierend an einen erfolgreichen Hollywood-Blockbuster aus den Neunzigern: Forrest Gump. Trotzdem kann sich „Benjamin Button“ durch das setzten anderer Akzente gut von Forrest Gump abheben und für sich selbst stehen. Der Vergleich ist somit durchaus
positiv zu sehen. Im Gegensatz zum naiven Forrest ist sich der grüblerische Benjamin z.B. seiner Situation voll bewusst und handelt dementsprechend.


„Du weißt nie was das Schicksal für dich bereit hält.“

 
Finchers aktueller Film ist kein Werk, das man so ohne weiteres dessen Portfolio zuordnen würde. Bekannt wurde er durch Filme wie Alien3, Fight Club oder Sieben. Nicht ein einziger Film ist in irgend einer Form fröhlich. „Benjamin Button“ gelang dagegen geradezu heiter und beschwingt und erinnert an klassischeres Hollywood Kino. Doch auch wenn der Regisseur alle Emotionen bemüht, wirkt es zu keiner Zeit gekünstelt. Brad Pitt überzeugt auch in seiner dritten Zusammenarbeit mit Fincher und liefert eine beeindruckende Arbeit ab.

Dank CGI wurde auch Pitts Erscheinungsbild in jeder seiner Altersstufen überzeugend ausgearbeitet. Bis auf so manche Länge kann man dem zweieinhalb Stunden Film kaum etwas vorwerfen. Warum Benjamin Button als DIE Literaturverfilmung des Jahres gehandhabt wird, leuchtet indes nicht wirklich ein. Schließlich basiert der Film auf einer Kurzgeschichte von F.Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1922 und nicht auf einem Roman.

Wer mal wieder ein gut gemachtes Drama aus der Traumfabrik sehen möchte, das Klischees zu vermeiden sucht und mit einer ungewöhnlichen Geschichte aufwarten kann, sollte sich den seltsamen Fall des Benjamin Button nicht entgehen lassen.

8 von 10 Windeln

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