Samstag, 17. Januar 2009

Zeiten des Aufruhrs

Was willst Du tun? Nein, nicht jetzt gerade im Moment, sondern was ist Dein sehnlichster Wunsch? Und was würdest Du tun, wenn Du die Möglichkeit bekommst Dir diesen Traum zu verwirklichen? Würdest Du es angehen oder eher zögern?

Vor diesem Problem stehen April und Frank Wheeler. Seit über sieben Jahren verheiratet schlich sich der Alltagstrott in ihr Leben ein. Ihre Lebensträume aus den Augen verloren bzw. ins Reich des Phantastischen verbannt leben sie mit ihren beiden Kindern in einem Vorort Conneticuts. Ihr spießbürgerliches Dasein ödet die beiden dermaßen an, dass sie sich immer häufiger in die Haare kriegen. Frank geht seit einer Weile fremd, weil ihn sein Weib leblos erscheint und er einen Job macht, den er zum Kotzen findet. April verrottet in ihrem Dasein als Hausfrau und Mutter, dabei wollte sie doch Schauspielerin werden. Die Auftritte in mittelklassigen Provinztheatern deprimieren sie nur noch.

Abhilfe scheint gefunden, als die beiden den Plan fassen alles aufzugeben und in Paris eine neue Existenz aufzubauen. Franks Traum war es immer nach dem Krieg wieder dorthin zurückzukehren und zu studieren. April ist Feuer und Flamme, ermöglicht ihr diese Reise sich beruflich endlich selbst zu verwirklichen. Doch bis zum Ende des Sommers ist es noch eine lange Zeit und einige Hürden müssen genommen werden.

Regisseur Sam Mendes (American Beauty, Road to Perdition) nutzt als Basis für "Revolutionary Road" - so der treffendere Originaltitel - das gleichnamige Buch von Richard Yates, welches wie der Film in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt ist. Hieraus ergeben sich für den Plot um die beiden Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio und Kate Winslet einige Probleme. Aussteiger waren damals im geordneten Vorstadtleben verpönt. Dass die beiden Sozialrevoluzzer auch sogleich noch die Rollen Tauschen wollen - Sie der Ernährer, Er der Erzieher - stößt besonders sauer auf. Dies lässt sie ihre Umwelt empfindlich spüren. Das Paar wird belächelt, man schüttelt die Köpfe und hält Frank für einen Schlappschwanz.

Das Leben ist eine Baustelle - deine Baustelle.

Dennoch wollte Mendes kein Portait des Amerikas der 50er entwerfen. Hierfür erfährt der Zuschauer einfach zu wenig über die gesellschaftliche Situation dieser Zeit. Zudem kommt gerade die Elternrolle der Hauptfiguren nur in wenigen kurzen Szenen zum tragen. Dabei wäre dies nicht unerheblich beim Zeichnen eines korrekten Gesamtbildes wichtig gewesen. Vielmehr bildet es eher einen optischen Hintergrund, der unterschwellig die konservativen Aspekte in Gesellschaften betont.

Obwohl die gesellschaftlichen Hürden für Aussteiger im digitalen Zeitalter sicherlich bei weitem nicht mehr so hoch sind, spricht "Zeiten des Aufruhrs" durchaus Themen an, die an Aktualität nie verlieren werden. Jeder Mensch hat Träume, die wohl nie wahr werden, doch wer hat den Mut seinen Traum wahr werden zu lassen oder es zumindest zu versuchen? Letztenendes ist es egal ob man siegt oder scheitert. Wichtig ist am Ende nur, ob man alles gegeben hat.

Ausgerechnet Frank, dessen Traum April aufgreift, ist der wankelmütigere der beiden. Er ist gefangen von seiner Angst etwas zu verlieren. Zwar hasst er sein Leben in dieser unwirklichen Welt, die der Vorort bildet, aber er weiss was er hier hat. Das Leben in Paris hingegen ist ein unbeschriebenes Blatt. Ungewiss wie es ihnen dort ergehen wird. So lässt er sich von seinen Ängsten und gesellschaftlichen Normen lähmen und behindern.

Skurril mutet es an, dass der Einzige, der die Wheelers versteht und sich an ihrem Ausbruch aus dem Spießertum ergötzt, John Givings ist. Er tischt jedem ungefragt seine modernen Ansichten auf, gilt als verrückter Querulant und ist in psychiatrischer Behandlung. Da er selbst seine eigenen Träume nicht verwirklichen kann, setzt er sich im Gegensatz zum Durchschnittsbürger mit der öden Leere, die seine Eltern Leben nennen, aggressiv statt passiv auseinander. John hält der Gesellschaft den Spiegel vor, der die ganze Hässlichkeit des gleichgeschalteten Lebens als Rädchen im System deutlich macht.

Mendes gelingt es hervorragend den wahren Vorstadthorror in subtilen Bildern auf die Leinwand zu zaubern.

Unterstrichen wird dies von der schauspielerischen Leistung der Hauptdarsteller, die glücklicherweise kein zweites Titanic abliefern, sondern wundebar harmonieren und das Siechtum ihrer Ehe glaubhaft vermitteln. Doch auch die Nebenrollen sind wunderbar besetzt. Allen voran kann Michael Shannon als John Givings brillieren. Spielt er in seinen wenigen Szenen doch glatt den restlichen Cast an die Wand.

Wer "American Beauty" kennt weiss, dass Mendes für reine Happy Ends nicht allzuviel übrig hat. So läßt "Zeiten des Aufruhrs" den Zuschauer nachdenklich und mit leichtem Schaudern zurück. Schließlich steckt ein kleiner Frank in uns allen.

9 von 10 kornblumenblauen Krawatten

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