Freitag, 20. Mai 2011

"Wer ist der größere Tor? Der Tor, oder der Tor, der ihm folgt?"




Wie aus den letzten Jahren gewohnt, soll der geneigte Kinogänger auch 2011 wieder mit einigen Comicverfilmungen in die Lichtspielhäuser gelockt werden. Comics sind in Deutschland leider immer noch eine Freizeitbeschäftigung für Randgruppen. Zu Unrecht, wie ich finde. Zumal die erzählten Geschichten durchaus auch mit Romanen mithalten können und größtenteils erwachsene Themen behandeln. Bei Entenhausen oder Geschichten von Helden in Strumpfhosen muss es also nicht bleiben.


Allerdings im Gegensatz zu den letzten Jahren, in denen immer wieder auch Independentcomics, wie bspw. Hellboy, The Losers, Watchmen, V wie Vendetta, Sourrogates, Whiteout, Wanted oder R.E.D. als Vorlage dienten, steht 2011 im Zeichen der klassischen Superhelden: Thor, Green Lantern, Captain America, X-Men: First Strike, sogar eine Wonder Woman Serie befindet sich in Poduktion.

Das kann es für diese Filme hierzulande durchaus schwieriger machen.
Während es bei den Umsetzungen von Independent-Comics den meisten Zuschauern nicht einmal bewusst ist, dass man einen Film gewordenen Comic sieht, ist das bei den Superhelden offensichtlich; auch dann, wenn es sich um hierzulande eher unbekanntere Figuren, wie Thor handelt. Oft sind diese Figuren dann auch noch so abstrus oder skurril, dass sich sogar Comicfans mit dem Vorstellen einer vernünftigen Verfilmung schwer tun. Oftmals blickt man als Nichtkenner der Vorlage den Stoff nicht oder im schlimmsten Fall driftet der Film ins Lächerliche ab. Ehrlich gesagt, habe ich gerade Letzeres erwartet, als ich die erste Ankündigung zu „Thor“ lesen musste. 

Dabei war diese Produktion absehbar und nur konsequent. Spätestens mit den Abspännen von „Iron Man“ und „Incredible Hulk“ war klar, dass ein „Rächer“ Film kommen wird. Nach und nach werden die einzelnen Helden des Rächer-Teams mit eigenen Filmen vorgestellt und dann in einem gemeinsamen Film zusammen geführt. Zwar fluktuierte die Zusammenstellung des Teams in den Comics immer wieder mal, aber für den kommenden „Rächer“ Film von Joss Wheadon (Buffy, Angel, Firefly, Serenity) hätten wir Iron Man, Hulk, Thor und Captain America auf dem Plan.  

Iron Man und Hulk? OK, die Helden sind bekannt, hierzulande soweit etabliert und auch gut verfilmbar. Captain America? OK, es wird wahrscheinlich trashig, verspricht aber gerade darum schon im Vorfeld lustig zu werden. Hey! Nazis bekommen aufs Maul! Das kann nur gut werden!

Aber Thor? Nordische Mythologie in einem Superheldenfilm? Und dann soll diese Figur auch noch im selben Universum wie Hulk und Co leben? „Oh Gott, das wird bestimmt schlimm werden! Das passt doch nicht! Allein schon wie geschwollen der in den Comics redet...“
Denkste! Ich kann hiermit Entwarnung geben. Also bevor es ins Detail geht: Ja, Thor ist gut geworden!

Erzählt wird der Plot in zwei Erzählsträngen. Der eine extrem Effektgeladene spielt im Weltall, auf Asgard, der Heimat Thors, und auf Jötunheim, der Heimat der Eisriesen. Wie? Was? Weltall? Moment, der Sitz der Götter ist doch irgendwo im Nirgendwo... Äther, Sphäre oder weiß der Geier wo! Tja, in der Marvel Comicversion wachen König Odin und sein Volk im Weltall über ein Gleichgewicht der Kräfte. Als die Eisriesen im 10ten Jahrhundert in Skandinavien einfielen, kamen sie und retteten den Tag. Die Menschen sahen das und verehrten sie als Götter. So entstand der Mythos vom Reich Odins, Walhalla usw auf der Erde.

Thors Heimat liegt also irgendwo in den Weiten des Alls. Wer sich ein wenig mit der Mythologie auskennt, weiss, dass Thor einen Hammer namens Mjölnir schwingt und einen Arschlochbruder namens Loki (Tom Hiddleston) hat. Bevor der ihn aber wie zu erwarten in die Pfanne hauen kann, gräbt sich das impulsive Großmaul selber ein Grab und wird von Odin (Anthony Hopkins) seiner Kräfte beraubt auf die Erde verbannt.

Auf der Erde spielt dann der zweite Teil der Erzählung. Als Thor (Chris Hemsworth) auf der Erde landet stellt die Physikerin Jane Foster (Natalie Portman) gerade mit zwei Freunden in der Steppe New Mexicos Nachforschungen an und trifft dort auf den dezent irritierten Thor. Genauergesagt fährt sie ihn über den Haufen. Der Rest ist Geschichte:
schüchternes Erdenmädchen trifft muskelbepacktes Alienmännchen; Alienmännchen stellt sich zu dumm für die Erde an; Erdenmädchen hilft ihm; beide verlieben sich.


ABER HALT! Keine Sorge! Regisseur Kenneth Branagh (Othello, Hamlet, Henry V) und Drehbuchauto J. Michael Straczynski (Twilight Zone, Ninja Assassin, Babylon5) umschiffen die Kitscheisberge sehr gut. Schmalzig wird es nie und die Romanze wird nur so weit wie nötig ausgebaut und sogar recht amüsant und symphatisch umgesetzt. Das liegt unter anderem an den Schauspielern, die alle gut auf ihre Rollen passen. Zwar hätten einige Figuren etwas mehr Tiefgang verdient gehabt und in seiner Kurzweiligkeit wirkt "Thor" am Ende doch ein bisschen zu hastig abgehandelt, wirkt mehr wie ein Prolog zu einer größeren Geschichte, aber insgesamt überwiegt der positive Gesamteindruck.


Die Effekte sind super, das Design ist stimmig, der Humor ist wie bei Iron Man da, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. Zwar wird auch kräftig in Alienärsche getreten, aber insgesamt hält man sich mit Action angenehm zurück. So verkommt Thor am Ende nicht wie erwartet zu einer seelenlosen Effektorgie. Wenn ich bedenke, wie leicht Thor am Trashpotential der Vorlage hätte scheitern können, bin ich angenehm überrascht, wie glaubhaft die Figur dem Kinopublikum nahe gebracht wird. 


Zuschauer, die bereits Iron Man und/oder Hulk  genossen haben, freuen sich zu hören, dass Samuel L. Jackson wieder mit einem kurzen Auftritt dabei ist, S.H.I.E.L.D. und Agent Coulson ebenfalls mit von der Partie sind und sogar die letzte Szene von "IronMan2" aufgegriffen wird. Wenn "Captain America" nun auch so gute Laune verbreitet, kann ich mich endgültig auf "The Avengers (Die Rächer)" freuen.