Freitag, 28. April 2017

Familienbande



Marvel läutet sein Kinojahr 2017 mit dem zweiten Teil der Guardians of the Galaxy ein und lässt dabei nichts anbrennen, wagt dabei jedoch keine allzu großen Experimente. Im Grunde war das zu erwarten und ist aus meiner Sicht nicht weiter schlimm. Es ist wie mit der neuen Scheibe der Lieblingsband: man weiß in etwa worauf man sich einlässt und wird am Ende nicht enttäuscht sein. Übermäßig viele Kinogängern wird das vermutlich nicht betreffen, aber ich erwähne es lieber direkt, damit diejenigen, die eine Revolution erwarten, ihre Erwartungshaltung vorm Kinobesuch zurückschrauben.

Doch zur Story:


Peter Quill (Chris Pratt), aka Starlord, hat sich mit seiner Crew seit dem Ende des ersten Teils einen gewissen Ruf erarbeitet und nimmt immer wieder Jobs an, bei denen man die Kohlen aus dem Feuer holen muss. Es lebt sich recht einträglich, bis Rocket (Bradley Cooper) seine Langfinger nicht bei sich behalten kann. Das hat zur Folge, dass die Truppe binnen kürzester Zeit von Ravagern verfolgt wird, die auf das ausgesetzte Kopfgeld scharf sind. Während sich die Ereignisse überschlagen, taucht auch noch ein mysteriöser Mann namens Ego (Kurt Russel) auf und behauptet Peters Vater zu sein…

Nach dem überraschenden Erfolg von Guardians of the Galaxy – vol 1 war sonnenklar, dass ein Nachfolger kommen würde. Die Frage, die sich bei einer Fortsetzung immer stellt: wird sie der Erwartung gerecht? In diesem Fall kann ich ein klares Jein vermelden; allerdings mit einem großen Ja vorne und einem kleinen Nein am Ende. In Punkto Humor schlägt Vol 2 den Vorgänger locker. Von der ersten bis zur letzten Minute verbreitet die Dynamik dieser ungewöhnlichen Truppe schlichtweg gute Laune. Die Gags sind zumeist treffsicher und jeder bekommt sein Fett weg. Es gibt mehr zu Lachen als in vielen Hollywood Komödien der letzten beiden Jahrzehnte. Auch während der Action nimmt man sich nicht zu ernst. Beispielsweise kloppt man sich in der ersten Szene mit einem entfernten Cousin von Cthulhu. Doch anstatt den Kampf wie in einem gewöhnlichen Actionfilm direkt zu zeigen, liegt der Fokus auf Baby Groot, der auf dem Kampfschauplatz lieber unbekümmert herumtollt und Albernheiten macht, während im unscharf gestellten Hintergrund die Post abgeht. Man darf sich gerne darum streiten, ob es am Ende des Films noch eine Massenschlacht gebraucht hat, aber die teilweise sehr lustigen Einfälle, wie man sie zeigt oder besser gesagt nicht zeigt, macht die Szene wieder sehenswert.

Nun gut, es bleibt kein Auge trocken. Tricktechnisch wird ebenfalls wieder feinste Kost geboten. Das Aber, der kleine Wehrmutstropfen, ist der für meinen Geschmack einen Tick zu entschleunigte Mittelteil des Films. So unterhaltsam viele Szenen sind, sind einige von ihnen schlicht zu lang geraten. In einer der Sequenzen etwa, bekommt Baby Groot einen Auftrag, stellt sich jedoch unglaublich begriffsstutzig an. Wirklich langweilig wird es dabei nie, aber das hätte man besser pacen können. Auch ist der Plot verhältnismäßig dünn geraten. Getragen und gerettet wird er von dem Thema Familienbande, das alle Figuren in den unterschiedlichsten Konstellationen miteinander verknüpft. Figuren, wie Rocket, Yondo und Nebula, welche im ersten Film wenig an Charakter zu bieten hatten, erlangen hier bedeutend an Tiefe. Man merkt deutlich, dass Regisseur und Autor James Gunn bereits seit dem ersten Drehbuch längerfristig geplant hat, denn er nutzt die im Vorgänger geleistete Vorarbeit für den aktuellen Titel. So rutscht der Film, welcher trotz seiner interessanten Prämisse wenig Substanz im übergeordneten Plot zu bieten hat, nicht in die Belanglosigkeit ab und erfüllt in der Serie maßgeblich eine Funktion zur Figurenentwicklung.

Insgesamt wurden meine Erwartungen an Marvel Filme, wie ich sie die Tage in meinem Kommentar zu Marvel vs DC geäußert hatte, erfüllt. Bedeutet das, dass auch der Bösewicht schwach ist? Nun, ich drücke mich mal so aus: die Herangehensweise in Vol 2 ist …. anders; Interessant allemal, aber ich habe mir noch kein finales Urteil darüber bilden können, ob ich begeistert von der der Idee sein soll oder nicht. Auch in diesem Film funkt es gut zwischen den Helden, während die eigentliche Bedrohung bzw Bedrohungen hintanstehen müssen. Insofern hat sich immerhin dieses Vorurteil bewahrheitet.

Ein wenig hat Vol 2 mit dem gleichen Problem zu kämpfen, das viele Marvel Filme im zweiten Teil einer Reihe befällt. Egal ob Iron Man 2, Thor - The Dark World oder der zweite Avengers: die Filme werden zwar sinnvoll zur Erweiterung des jeweiligen Kosmos und/oder der Figuren genutzt, stehen handlungsmäßig aber immer ein wenig zwischen den Stühlen. Sie wirken mehr wie Bindeglieder zwischen zwei vollwertigen eigenen Filmen. Iron Man 3 bot ein deutlich runderes Erlebnis als der zweite Teil und ich hoffe, dass dies bei Thor - Ragnarök Ende des Jahres ebenso sein wird.

Die Idee, einen Planeten als eine der zentralen Figuren der Handlung vorzustellen, ist zumindest als gewagt zu bezeichnen – für Comicverfilmungen generell gesprochen. Was es dennoch möglich macht diese schwere Pille an Absurdität verhältnismäßig einfach zu schlucken, sind der Humor und das glaubhafte zwischenmenschliche Agieren der Charaktere. Durch Letzteres schafft es Gunn, das abstruse Szenario ausreichend zu erden; und einer Komödie, welche auch noch so comichaft ausschaut, nimmt man krude Ideen nicht so leicht krumm.

Ich bin gespannt, wie DC bei seinem grantigen, düsteren Ansatz der Spagat gelingen will, dem Zuschauer die "schillernden" Figuren aus dem eigenen Universum zu verkaufen. Green Lantern hat sich schon nicht besonders ernst genommen. Dennoch war bei mir der Ofen aus, als das Green Lantern Chor mit dem Rat aus weisen Außerirdischen vorgestellt wurde. Kann man sowas in einem humorentleerten Szenario überhaupt bringen? Schließlich muss auch der Kinogänger ohne Comicbuchkenntnisse einen Zugang zu den Geschichten erlangen können. Thor oder Wonder Woman zum Beispiel sind ebenfalls schwer umsetzbar, da man immer Gefahr läuft ins Lächerliche abzudriften. Hier hat man aber wenigstens kulturelle Anknüpfpunkte (Nordische Mythologie und Amazonen sind keine Erfindung von Marvel oder DC), die einem die Figuren nicht ganz so fremdartig erscheinen lassen, wie es bei Eigenkreationen der Fall ist.

Wer Marvel Filme nicht mag oder dem Vorgänger schon nichts abgewinnen konnte, sollte selbstredend auch um Vol 2 einen weiten Bogen machen. Alle anderen erwartet eine launige Achterbahnfahrt voller Humor, gut gefilmter Action und einigen unerwarteten Ideen.

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