Mittwoch, 10. Oktober 2012

Neulich im Brainfuck



Schon wieder ein Third-Person-Shooter und ich soll – wie sollte es auch anders sein - einen US-Soldaten spielen? Kein Interesse!
Doch auf der anderen Seite klingt das Szenario ganz interessant: Dubai ist nach einem Sandsturm größtenteils entvölkert. Die ersten Screenshots ließen bereits die apokalyptische Stimmung erahnen, die mich erwarten würde. Na gut, ausnahmsweise… dann schau ich mir doch mal an, was dieser Third-Person-Shooter so drauf hat. Am Ende musste ich mir selber eingestehen, dass ich „Spec Ops: The Line“ vollkommen unterschätzt hatte und das Spiel zu unrecht am Markt untergegangen ist.

Woran es gelegen hat, vermag ich nicht zu sagen. War es zu wenig Werbung seitens des Publishers, die Übersättigung der Spieler mit Ballergames oder schlicht die Ankündigung, dass „The Line“ eine richtige Handlung haben sollte, die die Shooterfans vom Kauf abgehalten hat? Möglich wäre es. Zum einen kommen die Geschichten, die in Shootern erzählt werden meist auf einer Briefmarke unter und sind dann auch noch schlecht inszeniert.
Während sich das Gameplay von „The Line“ eher traditionell gibt, versucht Entwickler Yager mit einem interessanten Plot zu punkten. Dieser basiert nämlich auf dem Buch „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, das auch schon die Grundlage zu Francis Ford Coppola´s „Apocalypse Now“ lieferte. Statt in den Tiefen des Kongo oder in Vietnam, spielt „Spec Ops: The Line“ wie eingangs erwähnt in der untergegangenen Stadt Dubai.

Da sehen die Jungs noch frisch aus.
General Conrad sollte dort mit seiner Einheit die Evakuierung leiten. Doch seitdem der Sandsturm aufkam, ist der Kontakt abgebrochen. Darum wird der Spieler in der Rolle Delta Leaders in die Wüste geschickt, um mit seinen beiden Kameraden  festzustellen, was dort los ist. Die Männer müssen dabei feststellen, dass Conrad eine Terrorherrschaft installiert hat, um die Ordnung unter den Überlebenden aufrecht zu halten.

Dubai hat es schlimm erwischt.
Der Protagonist kennt den General als guten Mann und will mit ihm persönlich sprechen. Also begibt er sich auf eine Tour de Force durch halb verschüttete Gebäude, durch Häuserschluchten, in den Untergrund, an in der Wüste liegenden Schiffwracks vorbei, immer weiter ins Zentrum Dubai´s. Dabei stellt sich den Soldaten die Einheit des Generals immer wieder in den Weg, der ein finsteres Spiel mit den Helden spielt.

Hin und wieder kann man den Sand auch als Waffe benutzen.
Selten habe ich in einem Spiel erlebt, wie der Spieler selbst in die Handlung und ihre Folgen so eindrucksvoll hereingezogen wird. Selten konnte ich beobachten, wie sich die Figuren, die ich als Spieler begleite, eine richtige Entwicklung durch machen und immer wieder mit den Konsequenzen ihrer Handlungen, ja ihren Verbrechen,  konfrontiert werden. Zu Anfang ist der Umgangston noch relativ flapsig. Es werden Sprüche geklopft und Witze gerissen. Doch je weiter sie kommen, umso roher wird der Umgangston, brechen Streitereien zwischen den Figuren aus, stumpfen sie ab und wirken von Level zu Level mehr entmenschlicht. Man sieht ihnen auch optisch die Spuren des Krieges an. Neben den offensichtlichen Verletzungen, versteinern mehr und mehr ihre Minen, wird der Blick verkniffener, kälter.

Gegen Ende sieht man dem Protagonisten an, wie sehr er verelendet.
Gegen Ende wird dann klar, dass sich schon eine ganze Weile die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschoben hat und kaum noch klar zu sagen ist, was von dem, was dem Spieler gezeigt wird, zur fiktionalen Realität gehört und was sich die Hauptfigur eventuell nur einbildet. Glücklicherweise ist Yager auch ein würdiges Ende gelungen, das die Geschichte sehr gut abschließt.

Beim Gameplay gibt sich der Titel eher bescheiden. Im Kern handelt es sich um einen Third-Person-Shooter mit Deckungssystem, der gelegentlich bspw durch Ballereinlagen aus einem fliegenden Helikopter aufgelockert wird. Die Optik weiß zu gefallen, setzt aber keine Standards. Bei der Steuerung und der Synchronisation gibt man sich keine Blöße. Lediglich der Wechsel zwischen den Deckungen ist manchmal etwas unnötig fummelig geraten. Insgesamt leistet man sich technisch keine Schnitzer.

Mittlerweile gibt es „Spec Ops: The Line“ bereits für knapp 20 (PC) bzw 30 (PS3/XBOX360) Euro und bietet mit knapp 8-10 Stunden Spielzeit mehr als eine durchschnittliche „Call of Duty“ Kampagne. Wer also noch mit dem Kauf gehadert hat, sollte nun zuschlagen.


Täter? Opfer? Der Spieler jedenfalls wird vom Urteil mit eingeschlossen.

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