Mittwoch, 1. Februar 2012

Senkrechtstarter und Pleitegeier


 
Die Golden Twenties. Zeit gravierender gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche in der Welt. Das Jahrzehnt nach dem Großen, dem Letzten aller Kriege. Und es war ebenfalls die Zeit, in der die Bilder (im großen Stil) das Laufen lernten. In dieser Ära des Stummfilms, fehlte noch die Tonspur, sodass einzelne Musiker am Klavier oder ganze Orchester das Geschehen auf der Leinwand live begleiten mussten. Eingeblendete Texttafeln ersetzten die Sprache.
 
George Valentin (Jean Dujardin; Lucky Luke, OSS117) ist einer der großen Schauspieler der Stummfilmzeit. Vorstellungen seiner Filme sind ausverkauft und werden vom Publikum geliebt. George seinerseits liebt es sich im Jubel seiner Fans zu sonnen und in Szene zu setzen. 1927 lernt er beim Dreh zu seinem aktuellen Film Peppy Miller (Bérénice Bejo; OSS117) kennen, die versucht im Filmgeschäft Fuß zu fassen. Sie verlieben sich ineinander, doch Georges Ehe verhindert eine Beziehung zur jungen Schauspielerin. In den folgenden Jahren verlieren sie sich aus den Augen.
Dann kommt der Tonfilm auf und George erleidet das gleiche Schicksal von vielen Kollegen der damaligen Zeit. Die tonlosen Helden geraten in Vergessenheit und Georges Stern beginnt zu sinken während Peppy der neue Star in Hollywood ist.
 
Elision beschreibt in der Metrik ein Stilmittel, um durch Weglassen von Silben das gewählte Versmaß einhalten zu können. Grundsätzlich lässt sich der Begriff der Elision auch auf andere Kunstbereiche anwenden. Waren in den Zwanzigern die fehlende Tonspur und die daraus resultierenden Texttafeln und theatralische Gestik und Mimik ein auferzwungener Umstand, so wählt Regisseur Michel Hazanavicius (OSS117) das Weglassen der Sprache als bewusstes Stilmittel, um die schlicht gehaltene Geschichte auf ungewöhnliche Art und Weise zu erzählen. Da versteht es sich von selbst, dass „The Artist“ natürlich auch komplett in schwarz-weiß daher kommt.
 
Passend zum Konzept mussten auch die Schauspieler gewählt werden. Auf Mimenspiel und Körpersprache reduziert, brauchte Hazanavicius Akteure, die trotz tonlosem Dialog die Geschichte glaubhaft darstellen konnten. Bei dem Dreh zu den OSS117 Filmen hatte er bereits Erfahrungen mit Jean Dujardin und Bérénice Bejo sammeln können. Dass die Wahl auf Dujardin fiel, verwundert daher kein Stück. Bereits als OSS117 hat er gezeigt, wie ausdrucksstark sein Gesicht ist. So bringt er die gesamte Palette an Emotionen auf die Leinwand. Sei es theatralisch mit ausladenden Gesten, wenn er als Schauspieler agiert, oder in traurigen, einsamen, verzweifelten und melancholischen Momenten, Dujardin gibt in „the Artist“ seine bislang beste Darbietung.
 
George hieße allerdings nicht Valentin, wenn er nicht auch ein Herzblatt hätte. Bérénice Bejo ist als lebenslustige, aufstrebende Schauspielerin nicht weniger überzeugend als Dujardin. Auch der restliche Cast fügt sich angenehm in seine Rollen. John Goodman (O Brother Where Art Thou, The Big Lebowski), Malcolm McDowell (Clockwerk Orange) und James Cromwell (Star Trek – First Contact, L.A. Confidential) sind nur einige Nebendarsteller, die der französische Regisseur für sein neustes Projekt gewinnen konnte.
 
Wie bereits bei seinen OSS117 Filmen bemüht sich Hazanavicius um ein authentisches Setting. Hatte er bereits die 50er und 60er perfekt in Szene gesetzt, gilt dies auch für „The Artist“ und die Roaring Twenties der US of A. Frisuren, Kleidung, Gebäude, Props und Autos versetzen den Zuschauer in der Zeit zurück.
 
Aber bei aller Liebe zur Authentizität ist die Technik, mit der „The Artist“ gedreht wurde, natürlich nicht so antik. Das ginge dann doch etwas zu weit. Das Bild ist keineswegs krisselig oder verschmutzt und auch die vereinzelt auftauchenden Effekte zeugen von einem Film, der im Heute entstanden sein muss. Hier und da tauchen abseits des Soundtracks zudem doch noch echte Geräusche im Film auf. Damals technisch undenkbar.
 
Ich möchte nun nicht in die überzogenen Jubelarien der Presse einstimmen und „The Artist“ über den grünen Klee loben. Er ist weder innovativ, noch revolutioniert er das Filmgenre, wie man aus mancher Rezension herauslesen kann. Schließlich ist der Stummfilm historisch gesehen nichts Neues und auch zu Recht mittlerweile ausgestorben.
 
Wer aber wie ich Anfang der 80er und früher aufgewachsen ist und somit im Fernsehen oft mit alten Slapsticks unterhalten wurde, weiß um den Charme der Filme aus dieser Pionierzeit. Oft ungelenk und ohne nennenswerte Handlung, doch mit einem frechen Entdeckerdrang produziert. Damals als man herauszufinden suchte, was alles mit dem neuen Medium und der sich immer weiter entwickelnden Technik möglich war.
Diese Zeit und auch die Magie dieser Filme hat Hazanavicius mit seinem Dramedy über den Generationenkonflikt am Ende einer Ära und den Start in eine neue Welt perfekt eingefangen.
 
Und DAS ist für mich das eigentlich Bemerkenswerte.
 
 

Kommentare:

  1. Außerdem ist es einfach auch mal ein kompromißlos guter, unterhaltsamer Film. Kein verschwendete Minute, keine verschwendete Szene; es "passt" einfach. Durch das Fehlen des Tons und der Sprache habe ich ehrlich erstmal ein Gefühl dafür gewonnen, wie viel auch ohne Dialoge erzählt werden kann - und ich bin beileibe kein Kostverächter, was Filme anbelangt!

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  2. Erinnere Dich auch an die Filme von Sergio Leone. Dort wurde auch nur das Nötigste gesprochen und die Geschichte wurde zum Großen Teil von Gesichtern erzählt, die manchmal mehr einer Landkarte von Erinnerungen und Ereignissen ähnelten.

    Ich mag solches Kino, wenn es sich nicht selbstverliebt den eigenen Stärken hingibt und sie durch unnötige Längen und Pausen in Schwächen verwandelt.
    Und wie Du schon sagst: The Artist spart sich diese Schwächen. Einfach schönes Kino eben.

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