Dienstag, 6. Dezember 2011

Keine Deutsche Eichinger Produktion

Was unterscheidet den französischen Film von deutschen Produktionen? Nein, ich rede nicht von den Budgets, die sich wohl meist nicht dramatisch voneinander unterscheiden werden. Nein, es ist mehr das, was man aus den Budgets macht. Während unsereins sich dem x-ten Familien-Liebes-Drama-Klamauk oder der 1945ten Nazizeitverwurstung hingeben muss, traut man sich bei unseren Nachbarn nicht nur ab und an einen Blick über den Tellerrand zu werfen.
Die Ideen sind es, die am Ende den Unterschied zwischen langweiliger Gurke und interessantem Film machen.

Das fängt bei den Storykonzepten an und hört bei der handwerklichen Arbeit auf. Nun gut, die Geschichten holpern und stolpern manchmal ein wenig, wodurch WTF-Momente auch oft vorprogrammiert sind, aber man traut sich wenigstens von ausgetretenen Storypfaden abzuweichen. Dass solche Experimente nicht immer in einem vollen Erfolg münden, versteht sich von selbst. Aber auf dieses Weise kann man auch ohne ILM und Slasher-Bodycount einen Film interessant gestalten.
Handwerklich jedoch gibt es selten Grund zum meckern.

Seien es beispielsweise  „Pakt der Wölfe“, die „OSS 117“ Filme mit Jean Dujardin, „MicMac“, „Delicatessen“, „Stadt der verlorenen Kinder“ oder im heutigen Falle „Adèle und das Geheimnis des Pharaos“: das Artdesign passt fast immer.
Und gerade hieraus schöpfen Filme viel ihrer Atmosphäre.
Dass auch die Schauspieler meist das hierzulande übliche Marienhof-Niveau locker übersteigen, versteht sich da schon fast von selbst.


Adèle und das Geheimnis des Pharaos


Was wiegt Schuld? Wenn man kein Gewissen hat sicherlich gar nichts. Auf Adèles (Louise Bourgoin) Schultern jedoch lastet sie schwer, denn sie macht sich für den Zustand ihrer Schwester verantwortlich. Seit einem Unfall steckt ihr eine Hutnadel quer im Kopf.
Um sie davon befreien zu können, begibt sich Adèle 1912 nach Ägypten. Dort sucht sie nach der Mumie des verstorbenen Leibarztes von Pharaos Ramses II. Er soll über unschätzbares medizinisches Wissen verfügen.
Man mag nun einwerfen, dass ein toter Arzt so hilfreich ist wie ein Dosenöffner ohne verfügbare Konserven, wenn man Hunger hat, aber hierfür hat Adèle einen Trumpf in der Hinterhand. Denn in Paris forscht Professor Esperandieu (Jacky Nercessian) über das Leben nach dem Tod und findet eine Möglichkeit Tote wiederzuerwecken. Blöderweise reaktiviert er dabei in einem Museum ein prähistorisches Ei und ein Pterodaktylus schlüpft, nur um fortan Paris zu terrorisieren.

Luc Besson (Léon der Profi, Columbiana, Das fünfte Element) versucht sich bei "Adèle" an einer Comicverfilmung. Dieses Mal musste ausnahmsweise kein Superheld als Vorlage her halten, sondern "Adeles ungewöhnliche Abenteuer" aus der Feder von Jaques Tardi aus den 70er und 80er Jahren. Adèle ist eine resolute junge Schriftstellerin, die während der Belle Èpoque in Paris lebt und mysteriöse Geschichten erlebt, die auch einem Indiana Jones gut zu Gesicht stehen würden. Das Grundgerüst um die taffe Autorin, die sich in einer von Männern dominierten Welt durch schlägt, ist grundsolide. Leider fehlt ein passender Counterpart zu Adèle, der die Hatz nach dem Pterodaktylus und die Rettung ihrer Schwester, spannender gestaltet hätte. Zwar wird mit der Einführung der Figur des Professors Dieuleveult (Mathieu Amalric; München, Ein Quantum Trost) eine fiese Variation des Indy-Nazi-Bösewichter-Schemas dargeboten, doch fällt diese Storyline mit dem Verlassen des Schauplatzes Ägypten flach.

Schade. Mit Dieuleveult hätte man sicherlich einige unterhaltsame Wendungen in den Plot einbauen können. Am Ende wird zwar angedeutet, dass Dieuleveult einen größeren Part in einem zweiten Teil spielen könnte, aber leider gibt es bislang nur einen Film.
So reihen sich zwar unterhaltsame, teils sehr lustige und auch kurzweilige Szenen aneinander, dennoch lässt "Adèle" wenig Spannung aufkommen. Die Handlung plätschert einfach zu sehr vor sich hin.

Allerdings kann der Film auch einiges auf der Habenseite verbuchen. Die Figuren sind herrlich überzeichnet, das Artdesign ist wie bereits erwähnt ist fantastisch gelungen und die Schauspieler passen sehr gut in ihre Rollen; allen voran Louise Bourgoin, die es schafft Adèle die Prise von Ironie zu verpassen, die eine schlagfertige Frau von einer dämlichen Zicke trennt.
Dazu gesellt sich eine wirklich toll gelungene Synchronisation und gute Effekte. Man sollte kein Hollywood-Blockbuster Effektgewitter erwarten, aber das gezeigte überzeugt und passt wunderbar in das restliche Setting.

Hoffentlich war "Adèle" erfolgreich genug, dass Besson in einem zweiten Teil noch einmal nachlegen kann. Potential hat die Reihe definitiv.



Weiter gehts zum zweiten Kandidaten des Abends:


Le Mac


Eineiige Zwillinge sind sich für gewöhnlich sehr ähnlich, im Fall von Ace und Chapelle (José Garcia) haben wir allerdings eine Ausnahme von der Regel vor uns.
Kurz nach der Geburt voneinander getrennt, wuchs einer bei der kriminellen Mutter auf und der andere in einer Pflegefamilie. Das Ergebnis: Chapelle wurde spießiger Bankangestellter, während Ace auf Koks, Hundekämpfe, einen Stall Nutten und andere zwielichtige Geschäfte setzt.

Da ein Leben in der Unterwelt gefährlich ist, gibt Ace auch recht bald den Löffel ab. Das wiederum geht den Bullen mächtig aufs Gehänge. Schließlich hat der Kerl für sie gearbeitet und sollte einen wichtigen Deal platzen lassen. Ersatz muss her und das schleunigst!
So wird Chapelle, der bislang nichts von seinem Bruder wusste, unversehens in eine Spirale aus Verwirrung, Gewalt und Angstschiss gezerrt. Doch wie soll man aus dem Weichei innerhalb weniger Tage einen Mann mit Stahlklöten machen?…

Im Gegensatz zu "Adèle" kann "Le Mac" nicht mit Effekten auftrumpfen. Der Focus liegt hier auf der Story und dem Humor. Allzu neu ist die Idee mit der Zwillings-Verwechlungsgeschichte nicht, aber Regisseur Pascal Bourdiaux zeigt hier eine frische Variante des Themas.
Dadurch, dass die Figuren Ace und Chapelle so unterschiedlich angelegt wurden, sind viele lustig überdrehte Situationen vorprogrammiert; schließlich erleidet Chapelle beim Erstkontakt mit Koks, Weibern und Waffen einen Kulturschock nach dem anderen.

Zwar hat die Handlung auch mit kleineren Hängern zu kämpfen, insgesamt aber macht "Le Mac" ordentlich Laune. Hauptdarsteller Garcia wirkt glaubwürdig und steigert sich in seine zwei Rollen teilweise richtig rein.

Auch hier gilt: kein Meilenstein des Genres, aber anders und allein schon deswegen sehenswert.

Kommentare:

  1. Le Mac ist definitiv ein ganz großer Film :-)
    Ich habe lang nicht mehr so begeistert über einen Film gestaunt, der nicht aus Hollywood kommt.

    Und wieder einmal beweisen die Filmemacher in aller Welt, dass man in der Lage ist bessere Filme zu drehen als die Deutschen (mit wenigen Ausnahmen).

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  2. Nachdem ich dieses Jahr 9 französische Filme gekauft hab (internationale Produktionen mit französischen Regisseuren mal außen vor gelassen), muss ich sagen, dass die Qualität der Filme da verdammt zugelegt hat.

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  3. Le Mac hat echt Spaß gemacht, Adele muss ich mir noch ansehen :)

    Apropopos gute französische Filme:
    Vidocq zählt für mich auch definitiv dazu!

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