Sonntag, 30. Oktober 2011

TROGLODYT! AUTODIDAKT! SÜßWASSERMATROSE! LANDRATTE! PANTOFFELTIERCHEN!


Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Reporter Tim entdeckt auf einem Flohmarkt ein altes Schiffsmodell und kauft es. Doch schon kurz darauf bricht man in seine Wohnung ein und stiehlt es. Da Tim es liebt Geheimnisse zu lüften, beschließt er rauszufinden, was an dem Modell so besonders ist und gerät dadurch auf eine Schatzsuche der besonderen Art und ins Kreuzfeuer von skrupellosen Banditen.

Wenn Helden aus der Jugend plötzlich von Hollywood reanimiert werden und (erneut) auf die Leinwand losgelassen werden, ist meist Grund skeptisch zu sein. In den meisten Fällen ist man als Fan der Vorlage gut beraten um den filmischen Erguß einen weiten Bogen zu machen. Dennoch konnte ich mich nicht beherrschen und bin trotzdem ins Kino gelatscht - allerdings in 2D versteht sich. 3D soll einen schnellen qualvollen Tod sterben!


"Tim und Struppi" von Hergé war die erste Comicreihe, die ich damals als Komplettausgabe im Regal stehen hatte. Auch heute noch schaue gerne mal rein und erfreue mich an den teilweise herrlich naiven Geschichten um den rasenden Reporter Tim, der seltsamerweise nie seinem Job ernsthaft nachging, sondern eher ein Detektiv war.

Nun schickten sich Peter Jackson und Steven Spielberg an das Spektakel auf die Leinwand zu zimmern. Das beunruhigte mich ein wenig. Zwar ist Steven Spielberg besonders für seine Werke aus den 80ern ein Garant für gutes Abenteuerkino, aber Peter Jackson hat doch schon den "Herrn der Ringe" vergewaltigt (NEIN! Nicht Ottfried Fischer!). Ich befürchtete sofort: unnötige Liebesgeschichte, stundenlange Schlachten oder alternative sinnfreie Actionszenen und kaum Wiedererkennungswert zur Vorlage.

Doch dann las ich, wer für das Drehbuch verantwortlich zeichnete. Steven Moffat hat u.a. die Serien "Coupling", "Jekyll" und "Sherlock Holmes" auf den Weg gebracht und ist derzeit leitender Autor bei "Doctor Who". Edgar Wright hat uns "Hot Fuzz", "Shaun of the Dead" und "Scott Pilgrim" beschert. Joe Cornish wiederum hat mit "Attack the Block" ein erfrischendes Regiedebut hingelegt und war auch dort am Drehbuch beteiligt. Zwar machte mich der Trailer nervös, weil ich ab da wusste, dass hier zwei voneinander unabhängige Geschichten vermischt würden (Das Geheimnis der Einhorn, Die Krabbe mit den Goldenen Scheren), aber ich hatte Blut geleckt.



Nun war es also soweit und ich kann vorweg schicken: alle Bedenken wurden nicht bestätigt. Glücklicherweise lösten sich die Autoren weitestgehend von der Vorlage und entnahmen lediglich die zentralen Passagen, um daraus dann eine selbständige Erzählung zu generieren. Es gibt keine Gebrüder Vogel Faull, keine Opiumschmuggler und auch andere Dinge sind jetzt anders.

Wer eine 1:1 Umsetzung erwartet wird also enttäuscht werden. Also schlagt euch den Gedanken direkt aus dem Kopf und ihr werdet eure Freude an "Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn" haben. Aus all den Superheldenfilmen ist man es als Comic-Kenner ja auch gewohnt, dass es idR nur die Motive einer Figur in einen Film schaffen, aber sonst fast alles verändert wird. 

Allein schon weil das Medium Film anders funktioniert, ist eine strikte Nacherzähung meist nicht möglich. Viel wichtiger ist es, dass das Flair, die Essenz der Vorlage eingefangen wird. Genau das ist den Machern von "TuS-DGdE" (klingt nach einem Fußballverein für Legastheniker) gelungen.

Zum einen die Optik. Zwar wurde der gesamte Film mit echten Schauspielern (u.a. Jamie Bell, Daniel Craig, Nick Frost, Simon Pegg) vor einer Greenbox gefilmt, aber dabei wurden nur die Bewegungen und die Mimik übernommen. Abschließend wurden die Daten dann für die Animation der Computer generierten Figuren genutzt; und das schaut fantastisch aus. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass man keinen Realfilm gemacht hat. Nur so konnte man die eigentümliche Physiognomie der Charaktere umsetzen ohne dass es lächerlich aussieht.

Die Figuren wurden auch inhaltlich gut getroffen. Haddock säuft und flucht wie eh und je, hätte allerdings noch etwas ruppiger ausfallen können; Tim ist so rechtschaffen gut und Schulz und Schultze noch genauso vertrottelt wie in den Comics.
Schön auch, dass es sowohl der Wortwitz als auch die Slapstik Elemente in den Film geschafft haben. Man sollte keinen Brüller erwarten, aber ich hatte die meiste Zeit ein Grinsen im Gesicht und mehr muss man bei einem Abenteuerfilm auch nicht haben.

Kenner der Vorlage werden sich vielleicht wundern, warum denn "Der Schatz Rackhams des Roten" nicht mit verfilmt wurde; schließlich bildet der Band den Abschluss der Geschichte um die Einhorn. Wer es nicht bereits an anderer Stelle im Netz lesen konnte, wird spätestens jetzt auf den Trichter kommen, dass da noch weitere Filme kommen werden (Trilogie ist geplant). Das wird auch am Ende des Films mehr als nur angedeutet. Glücklicherweise wurde "Das Geheimnis der Einhorn" aber so angelegt, dass die Geschichte für sich stehen kann.

Ich lese jetzt also mal in meiner Kristallkugel, dass Teil zwei auf jeden Fall "Der Schatz Rackhams des Roten" beinhalten wird und vermutlich einen anderen Band, der im Dschungel spielt (z.B. Der Arumbaya Fetisch). Teil drei zeigt uns dann hoffentlich noch die Kalter Krieg Story um Tims Mondreise.

Spielbergs erster "Tim und Struppi" Film zeigt Animationen auf dem aktuellen Stand der Technik. Der Charme der Vorlage wurde eingefangen und es gibt auch keine nennenswerten Längen, die man erwähnen müsste. Einzig die Charakterzeichnung könnte noch etwas tiefer ausfallen. Aber darauf kann man ja in einer Fortsetzung eingehen.

Ganz offiziell? Weitere Abenteuerfilme dürfen gerne kommen.

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