Samstag, 18. Juni 2011

Zwei Herzen schlagen - Ach! - in meiner Brust!


Gibt es einen Gott? Welche Regeln muss man befolgen; welche nicht? Braucht man überhaupt Regeln? Gibt es einen großen Plan im Gefüge des Universums? Hat man eine Bestimmung? Wie muss man seine Prioritäten setzen: Ordnung vor Chaos oder Natur, mehr Empathie oder Egomanie? Was treibt uns an? Wohin treibt es uns? Was ist der Sinn des Lebens?

Mit Fragen solchen Coleurs beschäftigt sich Terrence Malick (Der schmale Grat, The New World) in seinem neusten Werk "The Tree of Life". Dass jetzt schon ein neuer Film kommt, ist ungewöhnlich. Schließlich hat er in den vier Dekaden seines Wirkens bislang nur vier Spielfilme veröffentlicht, brauchte also statistisch gesehen knapp zehn Jahre für jeden Film; und ein neuer Film ist sogar schon in Arbeit. Man könnte meinen, dass Terrence auf seine alten Tage noch in hektische Betriebsamkeit verfällt.



Hektik wiederum ist ein Aspekt den man "TToL" nicht anmerkt. In ruhigen Bildern erzählt Malick die Geschichte von Jack O´Brian (Sean Penn; Mystic River, Dead Man Walking), der in den 60er Jahren im Mittleren Westen der USofA mit seinen beiden Brüdern aufwuchs. Vater (Brad Pitt; Inglorious Basterds, Fight Club) hat einen festen Job und kümmert sich mit seiner Frau (Jessica Chastain; The Debt) um die Kinder. Die Familie ist komplett, ein eigenes Haus nebst Haushund ist ebenfalls vorhanden. Man geht gesellschaftlichen Verpflichtungen nach (sonntäglicher Kirchgang) und lebt möglichst unauffällig sein Leben zwischen den Nachbarn.

Nach außen hin präsentiert sich eine also eine spießige Familienidylle. Doch unter der Oberfläche lauert das subtile Grauen. Der gläubige Vater ist sehr streng mit seinen Söhnen, lässt sich mit "Sir" anreden und stellt allerlei willkürliche Regeln auf. Er lässt ihnen nichts durchgehen und schießt dabei selbst gerne über das Ziel hinaus. Im Grunde meint er es gut, will er seine Jungs eigentlich nur auf die harte Welt vorbereiten. Die Mutter hingegen lässt den Kindern alles durchgehen, hält sie dazu an, sich emotional mit ihren Mitmenschen auseinander zu setzen.  Gnade und Mitgefühl sind hier die bestimmenden Motive.

Der Vater, der mit seinen Regeln und Gesetzen dem Chaos des Lebens eine (göttliche) Ordnung aufzwingen will, wird dafür von seinen Kindern geliebt, aber auch gefürchtet und schließlich gehasst. In seiner Gegenwart erwarten sie stets Zurückweisung, Tadel und Züchtigung. Oft wird gezeigt, wie er seine Söhne im Nacken greift und führt. Die Mutter wird geliebt; für ihr Verständnis, für die Freiheiten, die sie ihnen gibt, die aber auch ausgenutzt wird. Wirklich glücklich sind die Jungs erst, als der Vater auf eine lange Dienstreise geht.

Zwischen den Eltern und den Idealen, die sie repräsentiern, hin und her gerissen ("Vater, Mutter, stets ringt ihr in mir."), wird Jack älter. Jede erneute Konfrontation mit Tod, Leid und Schmerz lässt ihn immer wieder seine Eltern in Zweifel ziehen, doch erkennt er keine Alternativen. Und so irrt Jack zwischen diesen Gegensätzen gefangen, durch sein Leben, auf der Suche nach dem großen Plan, einem Zeichen, das ihm endlich einen klaren Weg zeigt, einen universellen Sinn im Leben...


Ja, viel Handlung gibt es in dem knapp 130 Minuten langen Film nicht. Konventionen der Poetik werden missachtet. Es gibt keine klare Dreiaktstruktur, wie sie in Filmen idR zur Anwendung kommt. Das braucht es allerdings auch nicht, um ein gutes Werk abzuliefern. In Rückblenden zeigt Malick kaleidoskopartig Eindrücke, Szenen, Erinnerungen, Emotionen und Bilder aus Jacks Kindheit. Meist kommt Sprache aus dem Off. Dialoge wurden auf ein Minimum reduziert. Vater und Mutter bspw. sprechen zu keinem Zeitpunkt miteinander. Wenn doch der eine etwas sagt, erwidert der andere darauf nichts. Die scheinbare Unvereinbarkeit der Prinzipien, die sie verkörpern, wird so hervorgehoben.

"TToL" lebt nicht von einem spannenden Plot, sondern vom Zusammenspiel von Bilder und Musik. Der Zuschauer wird damit weitgehend allein gelassen und zum Nachdenken angeregt. So eindrucksvoll gelungen fand ich diese Kombination zuletzt bei Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum".
Nach der Einleitung zeigt Malick in tollen Bildern die Entstehung des Universums, unseres Planeten und des Lebens darauf. Dabei greifen hier im Makrokosmos prinzipiell die selben Mechanismen, die man im Mikrokosmos der Familie beobachten kann, ineinander: Entstehen und Vergehen im ewigen Kreislauf. Das eine baut auf dem anderen auf.
Als leitende Bilder setzt Malick immer wieder Wasser, Erde, Luft und Licht ein, die als lebensspendende Elemente den "Tree of Life" nähren.

Spärliche Effekte, ruhige Kameraführung, keine Action, kein explizites Handlungsziel... es fällt schwer offensichtliche Gründe zu nennen, warum "TToL" sehenswert ist. Zur Unterhaltung dient er weniger. Dennoch verströmt der Film eine gewisse Faszination und Brad Pitt gibt eine der besten Darbietungen seiner Karriere.
Wer bereit ist, sich der Melange aus Bildern und Musik hinzugeben, die Gedanken fließen zu lassen und sich auf eine spirituelle/philosophische Reise zu begeben, der sollte "TToL" unbedingt eine Chance geben.

Kommentare:

  1. Sach ma, hast du letzte Woche im Kino gewohnt????
    Ich geh mir den heute oder morgen abend ansehen. Wie war die Stimmung im Kino? Gabs viele pöbelnde Leute, die genervt haben?

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  2. Nene, das X-Men Review kam etwas verspätet, Moon und TRON2 gabs auf BluRay und nur TToL hab ich diese Woche im Kino gesehen.
    ^^
    Die Stimmung im Kino war eine Mischung aus Ungläubigkeit (da hat wohl jemand ernsthaft einen Plot erwartet), Faszination und Traurigkeit. Naja... ist ja auch kein Will Farell Film. ^^
    Ein paar sind rausgegangen. Da hätte ich am liebsten hinterher gepöbelt. Aber da es im Kino dunkel ist und sonst keiner gesehen hätte, wie sich Marlen dann schämen muss mit mir da zu sein, war das auch irgendwie witzlos. ^^
    Ernsthaft: da wurde nicht rumgenervt. Einige, die keine Peilung hatten, haben sich ständig von ihrem "Partner" erklären lassen, was da grad auf der Leinwand abgeht. Aber das war noch im Rahmen.

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  3. Stimmt, Tron und Moon sind ja schon was älter....
    Werd mir TTOL gleich ansehen, freu mich schon richtig - und da Kieler Woche ist, kann ich davon ausgehen, dass nicht viel los sein wird.

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  4. Sehr interessanter Film, wenngleich ich ein bischen enttäuscht bin. Selten hab ich mir so direkt einen DC gewünscht wie zu diesem Werk. Der Film erscheint mir irgendwie unfertig, weshalb ich gerne noch ein- bis zwei Stunden mehr "meditativen Bilderrausch" gehabt hätte.

    Die Genesis Sequenz ist der Hammer, sensationell gefilmt- und montiert, vom Größenwahn beseelt und jederzeit mitreißend. Brad Pitt spielt wirklich fantastisch, sollte man zumindest für einen Oscar nominieren. Lubezki gleich dazu.

    Persönlich hat mich am meisten fasziniert, dass mir die Begleitung aus dem Off zu keiner Zeit auf die Nerven gegangen ist. Bei dir scheint es ja ähnlich gewesen zu sein und es wird uns wohl kaum jemand als streng gläubige Christen bezeichnen. Prinzipiell ist es mir einigermaßen unverständlich, wieso eine nicht geringe Anzahl an Kritikern den Film mit einem Gottesdienst verglichen und deshalb verdammt hat. Da wurden Aussagen getroffen, die provozierend bis dämlich sind, oder sich frühestens nach dem dritten bis vierten Ansehen bestätigen könnten.

    Mir hats jedenfalls zugesagt, mal wieder einen Film zu sehen, der sich an keine Kino-Konventionen hält. Bitte ein wenig mehr davon!

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  5. Yes! Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass ich mehr den Antichristen verkörpere als der Teufel persönlich. ^^
    HO HO HO!
    Ne, ernsthaft: Religion - abschaffen! Den Scheiss braucht niemand ernthaft.

    Mich hat es nicht gestört, zumal diese Off-Texte, wie auch die Szenen in der Kirche und an der Orgel durchaus auch in das zeitliche Szenario passen. Zudem drückt sich Mutter nur über das Medium Religion aus.

    Letztenendes ist Spiritualität und die praktische Umsetzung der Erkenntnisse hieraus für das tägliche Leben und Miteinander vollkommen losgelöst vom christlichen Glauben zu sehen.
    Man darf so ketzerisch sein und behaupten, dass sich immer wieder auch der kategorische Imperativ (Gnade darf hierunter auch verstanden werden, wenn man mir die Auslegung gestattet) und die Grundsatzfragen Kants mit eingeschlichen haben.
    Ich kann meinen Weg zwischen den von den Eltern angebotenen Philosophien erst suchen, wenn man sich selbst definiert hat und die eigene Position in der Umwelt erkennen kann. Ein wenig Aufklärung war also auch mit drin.

    Das eigene Befinden kann man nunmal allzu oft nur verklausuliert ausdrücken. Ich sehe Malick also den Kirchenjargon nach. Schließlich stemmt er sich mit seiner Darstellung der Entstehung des Universums gegen die stark vertretene Meinung in den USA, dass alles im Universum von Gott erschaffen sei (Kreationismus: BRENNE!). ^^

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  6. Das mit der Trennung zwischen Spiritualität/Glauben und Christentum scheint schon zu viel verlangt zu sein. Daran scheitern sogar gestandene Feuilletonisten. Davon abgesehen verlief das Gezeigte nicht selten konträr zu den Aussagen aus dem Off. Man muss den Film schon mindestens noch ein Mal sehen, um diesbezüglich überhaupt was wirklich Schlaues äußern zu können.

    Ohnehin ist das einfach kein Film, an dem sich die Kritik versuchen sollte. Das endet in den meisten Fällen in Selbstbeweihräucherung.

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  7. Ach du weisst doch wie das mit plakativem Mediengehobel ist: nur so verkaufst du was. Am besten steht noch ganz klar in der Überschrift drin ob mans gut oder scheisse fand, sonst ist doch der Leser überfordert. Überhaupt traut man dem gerne wenig zu,

    Da magst du recht haben. Da ist die Gefahr groß in Klugscheisserei zu geraten. Halte mein Review auch nicht für die abschließende Wahrheit (nicht mal zum Film - und das schafft in dieser Form sonst nur ein Lynch Film), aber meine Sinneseindrücke aus dem Kino gibt es ganz gut wider.

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