Mittwoch, 15. Juni 2011

Nullen und Einsen


Mich traf letztes Jahr der Schlag - im Guten, wie ich anmerken möchte - überrascht mich da doch die Ankündigung eines neuen TRON Films. "TRON" war der erste Film mit leinwandfüllenden Computeranimationen. Eine für Anfang der 80er atemberaubende Technik. Dummerweise ging der Film damals an den Kinokassen unter. Auf Video und später DVD mauserte sich "TRON" zwar doch noch über die Jahre zum kommerziellen Erfolg, aber an eine echte Fortsetzung hat niemand mehr gedacht. Super! Ein neuer TRON Film! Ick hab mir wie ein Schnitzel drauf gefreut.

Dieses Jahr traf mich der Schlag - im Schlechten allerdings - bei der Sichtung von "TRON: Legacy" konnte mich die Handlung der Fortsetzung kein bisschen überraschen und blieb auch noch weit hinter den Erwartungen zurück. Doch halt! Ein komplettes Desaster hat mich nun nicht erwartet. Zunächst zur Handlung:

Kevin Flynn (Jeff Bridges; The Big Lebowski, König der Fischer, Iron Man), der Held des ersten Teils, verschwand eines Tages, als er glaubte eine einmalige Entdeckung gemacht zu haben, die die Welt revolutionieren könnte. Er liess seinen Sohn Sam (Garrett Hedlund; Troja, Eragon) zurück, der seinen Aktienanteil der Firma ENCOM erbte. Sam ist mittlerweile ein echter Draufgänger, der dem Vorstand der Firma auf der Nase herumtanzt.

Kevins ehemaliger Weggefährte Alan Bradley (Bruce Boxleitner; Babylon5, Chuck, TRON) infromiert Sam, dass er eine Pagernachricht seines Vaters bekommen hat und fordert ihn auf, in dessen alter Spielhölle nach ihm zu suchen. Es kommt wie es kommen muss: Sam landet in der digitalen Welt, also im Computer.


Dort hat sich seit dem ersten Filmausflug einiges verändert. Clu, ein von Kevin geschriebenes Programm mit seinem Konterfei, hat die Macht an sich gerissen und will mit einer Armee die echte Welt erobern. Dazu braucht er Kevins Datendiskus, da er ohne diesen den Port nach Draußen nicht öffnen kann. Das muss natürlich verhindert werden!
Und so begibt sich Sam auf die Suche nach seinem Vater. Dabei wird er von einem ISO (ISomorpher Algorythmus) namens Quorra (Olivia Wild; House, 72 Stunden) unterstützt. ISOs sind Programme, die sich selbst erstellt haben, ohne dass sie ein User in der echten Welt programmiert hätte.

Warum sich Clu wie ein Aushilfsadolf aufführt und die ISOs verfolgen und ermorden - sorry - löschen lässt, wird zu keinem Zeitpunkt ernsthaft thematisiert. Er spricht ihnen die Perfektion ab und darum haben sie keine Daseinsberechtigung. So pauschal - so doof. Mit dieser Analogie zu einigen echten Ereignissen in unserer analogen Welt und der fortschreitenden Entwicklung künstlicher Intelligenzen hätte man durchaus eine erwachsene, düstere Handlung auf die Beine stellen können. Leider hat man es sein lassen.

So ist Clu lediglich ein Bösewicht aus der Schablone. Motive werden nicht hinterfragt, Hinweise auf die Gründe für sein Handeln bleiben diffuses Beiwerk in einigen wenigen Szenen. Warum Clu mit einer Armee in die echte Welt eindringen will, bleibt ebenso im Dunkeln. Erobern? Super Idee mit 10.000 Soldaten... die haben ja nicht einmal Waffen dabei - zumindest keine, die bei unseren Gesetzen der Physik funktionieren würden.

Das pseudoesoterisch-religiöse Geschwofe über die ISOs und einen dunstwabrigen Schöpfer/Programmierer/Elektronenanordner/Allmachtsarschloch fand ich gelinde gesagt zum Kotzen. Dabei ist es nicht mal zwingend das Thema, das mir den Spaß vermieste, sondern die absolut unterirdischen, grottenschlechten Dialoge. Da werden Platitüden im Minutentakt abgesondert. Das kriegen selbst Politiker kaum hin. 


Super auch der erzählerische Kniff TRON mal eben die Seite zu den Bösen und dann vollkommen unmotiviert am Ende wieder auf die Seite der User wechseln zu lassen. Wieso? Weshalb? Warum? WTF!? Blieb der halbe Film im Schneideraum oder was? Und warum heißt der Film TRON, wenn von dem Kerl fast nichts zu sehen ist?

Nur für Kenner des Erstlings langweilig - Neulinge werden sich daran nicht stören: die Handlungsabfolge ist nahezu exakt die selbe wie im ersten TRON Film. Wir zeigen ein paar Szenen in der echten Welt, werfen den Protagonisten in die Computerwelt. Dort muss er erst im Zweikampf ein Spielchen auf dem Raster überstehen. Dann wird ein Lightcycle-Rennen gefahren bei dem der Held entkommt. Man fädelt die hanebüchene Story ein (ja, das war sie auch im ersten Teil, dort aber von liebenswerten Charakteren getragen und symphatisch naiv), lässt Dialoge schnell hinter sich, fliegt mit einer Barke Richtung Port, kämpft einen kurzen Fight gegen die Bösen und ab dafür.

Eine Sache, über die man im Film auch kein Wort verliert: warum kann Kevin Flynn all diese spacigen Kampfmoves? Vielleicht auch gut, dass das nicht erklärt wird, wäre wahrscheinlich doof geworden. Ich bin jedenfalls entsetzt, dass das PC-Spiel "TRON2.0" mit einer komplexeren und glaubhafteren Geschichte aufwarten kann, als der neue Film.

Witzigerweise gibt es so gut wie keine neuen Designs im Film. Fast alles wurde übernommen und etwas modernisiert. OK, als Wiedererkennunsgwert kann man das durchaus stehen lassen, einfallslos ist es trotzdem. Dafür ist der Film optisch und klanglich ein echtes Brett. Die Bilder sind stylisch, die Animationen passen, die Kameraführung ist ebenfalls gut, der Soundtrack von Daft Punk untermalt zudem das Gezeigte mit tollen Klängen.

Die Figuren bleiben flach, die Handlung dümpelt vor sich hin, versickert angesichts der kaum vorhandenen Höhepunkte im Orkus des Vergessens - während man den Film wahrscheinlich nur so in Erinnerung behält: "Das Teil mit den schönen Bildern und der Musik!"

Wem kann ich den Film also nun empfehlen? Fans des ersten Teils werden ihn schauen, um ihn gesehen zu haben. Ob sie ihn ernsthaft mögen werden, bezweifle ich jedoch. Einsteiger ins TRON Universum werden von der Bilderflut sicher angetan sein. Olivia Wild trägt als Eye-Candy ihren Teil dazu bei, den einen oder anderen Schnitzer im Film zu übersehen. Allerdings kann auch sie nicht den Schauspielroboter ersetzen, der die Hauptfigur Sam mimt. Jeff Bridges ist zwar wie immer gut, aber seine Figur kommt während der gesamten Laufzeit nicht so richtig zu Potte. Da wäre mehr drin gewesen.

 "TRON: Legacy" ist ein bisschen wie eine schöne Discobekanntschaft. Beim ersten Gespräch am Tag danach hofft man nicht aus Versehen Geld dafür gezahlt zu haben. Wenigstens muss man sich keine Gedanken machen, wie man den Film wieder los wird: verschenken, wegwerfen oder löschen!
Und Tschüss!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen