Donnerstag, 23. Juni 2011

"Ding dong - die Hex ist tot - sie isst kein Brot!"


Es ist ein düsteres Zeitalter.
Viele Städte der Menschen wurden auf den Ruinen alter Elfenzivilisationen erbaut, mit dem Blut und dem Vermögen von Elfen, Zwergen, Halblingen und dem menschlicher Untertanen. Rassenkonflikte schwelen allerorten und die Herrscher der Menschenreiche können das Säbelrasseln nicht sein lassen. Ränke werden geschmiedet, Allianzen eingegangen, Verrat und Mord verübt, Intrigen gesponnen, Dynastien aus der Taufe gehoben oder ausgelöscht - Politik eben. Mitten in all diesem Treiben befindet sich unversehens ein Mann, der die Politik verabscheut und nichts mit ihr zu tun haben will:
der Hexer, Geralt von Riva.

Hexer sind genetisch veränderte Menschen. In jungen Jahren werden sie mit Elixieren und Tränken traktiert, die ihr Erbgut mutieren lassen. So erlangen sie beispielsweise schnelle Reflexe, können sehr gut bei Nacht sehen und sind immung gegen fast alle Krankheiten und Toxine. Dafür überleben sie diese Prozedur oft nicht und wenn doch, werden sie unfruchtbar. Die, die erfolgreich die Ausbildung zum Hexer in der Festung Kaer Morhen abschließen, werden in die Welt entlassen, um auf Monsterjagd zu gehen. Sie nehmen Aufträge an, um Ghule, Werwölfe, Fangpire, Wyvern und anderes Kroppzeug zu erledigen. Dafür kassieren sie Geld, um ihren Unterhalt zu finanzieren.





Eigentlich würde Geralt am liebsten seinem Job nachgehen, regelmäßig eine Mahlzeit zu sich nehmen und dann und wann eine Frau flach legen. Doch die immer angespanntere Lage in den Königreichen und der sich anbahnende Krieg mit den Nilfgaardern zwingen ihn eines Tages Position zu beziehen, um wenigstens eine geringe Chance zu haben die Wenigen, die er liebt und schätzt, retten zu können...

In den 90er Jahren veröffentlichte der polnische Autor Andrzej Sapkowski sieben Bücher rund um den Hexer Geralt. Die Serie hat es nun nach Deutschland geschafft. Der siebte und letzte Band erschien erst in diesem Frühjahr. Damit ist die Reihe komplett und ich kann Interessierten endlich eine klare Kaufempfehlung geben. Allerdings sollte ich zuvor auf ein paar Dinge eingehen.


Dummerweise steht auf dem Cover der Bücher nicht, dass es sich um die Hexer-Romane handelt oder der wie vielte Band gerade vor einem liegt. Einsteiger, die weder den Spielfilm, die Miniserie oder eines der beiden PC-Rollenspiele (The Witcher, The Witcher 2-Assassins of Kings) kennen, sollten sich zunächst an die beiden Bücher mit den Kurzgeschichten wagen.

"Der letzte Wunsch" und "Schwert der Vorsehung" bieten Storys, die dem Leser die Welt des Hexers und dessen Alltag näher bringen. Man begleitet Geralt oft auf seinen Missionen und trifft auf einige Figuren, die auch im Hauptteil von Sapkowskis Werk auftreten.
Das Herzstück der Reihe sind diese fünf Bände:

Das Erbe der Elfen
Zeit der Verachtung
Die Feuertaufe
Der Schwalbenturm
Die Dame vom See


Knapp 2400 Seiten Erzählung verteilen sich auf diese fünf Bücher. Dabei ist eine Besonderheit, dass Sapkowski hier nicht für sich stehende Storys bietet, sondern, dass man streng genommen daraus eigentlich ein einziges Buch machen müsste. So sollte man die Erzählstruktur nicht auf einen einzelnen Band herunter brechen. Derjenige, der erwartet, dass man typisch für viele Bücher - nicht nur Fantasy - nach einem eher gemächlichen Anfang, einem Mittelteil mit der eigentlichen Handlung und einem Showdown oder grandiosen Finale am Ende aus der Geschichte entlassen wird, wird enttäuscht sein.

Es läuft also nicht so, dass Geralt zu Beginn eines Bandes einen Auftrag bekommt, recherchiert, jagt und dann am Ende triumphiert und es im Band danach um eine neue Geschichte geht, die lose mit der vorhergehenden zusammen hängt. Noch einmal: diese fünf Bände bilden eine zusammenhängende Erzählung. Highlights können also zu Beginn oder in der Mitte eines Bandes auftauchen. Echte Cliffhanger gibt es am Ende kaum. Man hat meist den Eindruck: "jetzt müsste eigentlich das nächste Kapitel kommen." Aber das gibt es erst im Folgeband. Aus dem Grund kann ich erst jetzt eine wirkliche Empfehlung aussprechen. Es gibt nichts Schlimmeres, als ein offenes Ende, wenn man weiß, dass man noch ein halbes Jahr warten muss bis es endlich weiter geht.


Zudem behält man sich viele Hintergründe und Szenen besser in Erinnerung, wenn man den Hexer-Zyklus in einem Rutsch genießen kann. Das ist durchaus wichtig, da es sehr oft gar nicht direkt um Geralt geht oder man stets nur seinen Schritten folgt.
Zwischendurch erlebt der Leser beispielsweise eine Konferenz von Herrschern, die über politische Konsequenzen debattieren, während sie die Vor- und Nachteile von Allianzen oder einem Kriegsbündnis abwägen. Oder man erlebt die kurze und traurige Geschichte eines Boten, der auf seiner Reise zufällig einigen handlungstragenden Figuren über den Weg läuft oder wie der Feldarzt Rusty in seinem Zelt die Verwundeten Ritter wieder zusammen flickt, während draußen die Schlacht tobt.


Solche erzählerischen Exkurse streut Sapkowski immer wieder ein, um die Welt des Hexers weiter auszugestalten, ihr Leben einzuhauchen, sie realistischer wirken zu lassen. Das ist ein Merkmal, das diese Romanreihe deutlich von der Masse der restlichen Fantasy - so gut sie auch sein mag - abhebt. Sapkowkis Bücher sind keine Fantasy Romane im herkömmlichen Sinn. Sie gleichen eher Mittelalterromanen, nur dass einige kleine Fantasy Merkmale eingeflochten wurden.

So gibt es Fantasy typisch Elfen, Zwerge und diverse Monster bzw. Fabeltiere. Die Letztgenannten leiten sich jedoch meist von europäischer Folklore, Sagen und Mythen her ab. Das Zusammenleben der verschiedenen Rassen ist geprägt von Ressentiments und Vorurteilen. Wo man in der High-Fantsy das vielleicht in bissigen Kommentaren zum Ausruck bringt, werden in der Welt des Hexers Familien aus Rassenhass einfach abgeschlachtet oder werden vor Gericht ungerecht abgeurteilt und zum Schafott geführt. Sapkowskis Erzählung ist düster, dreckig, unfein, brutal, von Egoismus und triebhaftem Handeln geprägt.

Szene aus dem Spielfilm von 2000/2001
Zauberer sind hier keine metaphysischen Gestalten, sondern gehen streng wissenschaftlich zu Werke. Sie werden an speziellen Schulen ausgebildet und nutzen allerlei Geräte, um ihrer Arbeit nachzugehen. In vielen Fantasy Romanen steht ein strahlender Held im Mittelpunkt, der im Kampf stehts obsiegt, der unverwüstlich scheint. Nun ist es jedoch so, dass jemand, der sich immer wie ein Berserker mit dem Schwert in jeden Kampf stürzt, nicht lange überlebt.

Geralt ist nicht so dumm, jeden Kampf anzunehmen, sondern er vermeidet ihn, wann immer es geht. Nicht weil er Pazifist wäre, aber jede Wunde kann tödlich sein. Geralt ist daher ein Mann, der kein Held sein will. Er ist nicht unsterblich und seine Prinzipien stehen ihm oft im Weg. Er will seinen Zielen folgen und gehört mehr zu der Sorte "einsamer Wolf". Doch wie so vielen Antihelden lässt man ihm keine Wahl. Zudem werden keinesfalls glorreiche Fantasy-Schlachten geschlagen. Der Autor beschreibt Kämpfe stets in all ihrer brutalen und schrecklich blutigen Konsequenz.

Geralt legt sich in "The Witcher 2" gerne mal mit Wachen an

Sapkowski schafft es eine unglaublich dichte Atmosphäre aufzubauen. Es braucht natürlich bei einer so langen Geschichte ein wenig Zeit, sich dort reinzufinden. Dafür ist die Welt einfach zu komplex. Scheinbar unwichtige Nebenhandlungen können zwei Bände später wieder von Belang werden. Der Autor macht es dem Leser also nicht allzu leicht. Er fordert ihn sogar heraus, sich Zusammenhänge zu merken, zu verstehen, wie Innen- und Außenpolitik von wirtschaftlichen Interessen und Dynastieplänen gelenkt werden können.

Zusätzlich zu den parallelen Handlungen, den verschachtelten Interessenskonflikten und der Weitläufigkeit der Geschichte setzt Sapkowski noch einen drauf: eine der Nebenhandlungen spielt in einer weit entfernten Zukunft. Das ermöglicht einen Rückblick auf die Ereignisse der Handlung aus historischer Sicht, gibt so die Gelegenheit das Geschehen im großen Kontext betrachten zu können. Als er dann jedoch noch zusätzlich das Thema von Parallelwelten mit einfädelte, dachte ich schon, dass Sapkowski nun endgültig den Bogen überspannt hätte. Aber nun, nachdem ich letzte Nacht auch "Die Dame vom See" zu Ende gelesen habe, muss ich zugeben, dass sich mit dem großen Finale eins ins andere fügt und alles seinen Platz hat.
Auch wenn sich all das nun unglaublich kompliziert anhört: ich erinnere nochmal daran, dass auf 2400 Seiten schließlich eine Menge passieren kann.


Wer sich neben Mittelalter und oder Fantasy ein bisschen für Politik interessiert, wird mit dem Hexer-Zyklus eine wahre Fundgrube an guten Geschichten vorfinden. Zudem beschreibt Sapkowski die vorhandene Action mit derart drastischen Worten, dass einem regelmäßig die Spucke weg bleibt. Lieb gewonnene Figuren sterben einen plötzlichen und sinnlosen Tod, die Zivilbevölkerung wird abgeschlachtet, beraubt, vergewaltigt und versklavt, es kommt zu Pogromen... ehrlich, ich bin im Bereich Unterhaltung einen hohen Gore- und Splatterfaktor gewöhnt, aber die Worte, die Sapkowski und der Übersetzer Erik Simon finden, sind sogar mir manches mal nahe gegangen.


Erwachsene Fantasy in sprachlich dichtem Gewand, die zwar etwas Durchhaltevermögen erfordert, aber mit vielen Konventionen und Erwartungen bricht und den Leser mit einer glaubhaften Darstellung der Welt belohnt.

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