Samstag, 9. April 2011

MEIN KRAMPF - oder: Tag(e)buch einer gescheiterten Invasion

Panorama des "neuen" Museumsparks in Valencia. Im Wissenschaftszentrum ließen wir Micha klonen.

"Bereits zu Beginn unserer Planungen stand das Ziel der Mission fest: mit einer Drei-Mann-Armee galt es Spanien in einer vierfachen Zangenbewegung einzunehmen.
Doch schon bevor wir die Flugzeugtransporter der Ryan-Air-Milizen requirieren konnten, sprang unser jüngstes Teammitglied mit "Hosen Voll" wieder ab. Was wirft das Bürschchen nur so leichtfertig seine Karriere als Eroberer fort?! Ach egal! Wir würden sicherlich auch zu zweit die Spanier in den Griff bekommen.



Nach vier Bier und zwanzig Minuten intensivster Planung war der Flug gebucht. Unterkünfte und Verpflegung galt es unterwegs zu beschlagnahmen. Start würde am Militärflughafen Hahn sein. Als Terror- äh... Touristen getarnt wollten wir zunächst Spanien infiltrieren, dessen Strukturen durch ausgedehnte Saufgelage mürbe machen, die Gesellschaft als Ganzes unterwandern, um dann gemäß germanischer Sitte die Herrschaft an uns zu reißen.
- So der Plan!
Doch nach Sun Tzu´s weisen Worten, dass kein Schlachtplan den ersten Feindkontakt überlebt, gingen wir sogar noch einen Schritt weiter und standen uns erst einmal selbst im Weg.
Oah, wat han eisch an Lust se fahre.

Uns allen war bewußt, dass der Zeitplan eng gesteckt war, doch Colonel Micha war zur vereinbarten Uhrzeit noch nicht einmal mit packen fertig.
>> Hast du dein Messerset dabei? Ist die verstaute Kalaschnikov auch durchgeladen? Ist unser Reisepanzer in Spanien reserviert? <<
Natürlich keimte beim Kameraden sofort Panik auf. So ein Scheiss aber auch - hätte man ja mal vorher erwähnen können, was man für eine zünftige Invasion so alles an Equipment braucht.
Nun gut - verspätet brachen wir dann auf. Am Flughafen angekommen teilte man uns mit, dass wir zwar noch einchecken dürften, unser Marschgepäck allerdings in der Heimat bleiben müsste. WTF!!?!!?!?
Was ist da los?
Wir wären für die Gepäckaufgabe leider zwei Minuten zu spät. ZWEI VERSCHISSENE MINUTEN!?!?
Leute, Leute, was für ein unflexibler Haufen! OK, Ryan-Air: Ihr Brüder kommt auf meine Liste!

Man bot uns für eine unverschämte Summe an umzubuchen oder ohne Gepäck direkt abzureisen. Aber ohne mein waffenfähiges Plutonium wollte ich auf keinen Fall aufbrechen. Reumütig brachte der Colonel die rettende Idee hervor: "Lass uns mit meinem Auto halt runter fahren!"
Gesagt, getan! Bei einem Zwischenstop im souveränen Staat Trier luden wir noch weiteres Survival Equipment ein, wie bspw. Gaskocher, Besteck, Kaffee und Reiseproviant. Nachts um 23 Uhr ging es dann endlich los. Zunächst steuerten wir die Bundesgenossen von der Luxemburgischen Benzin Liga an und gaben dem Tank ordentlich was zu saufen. Passenderweise lag die Tankstelle auch in optimaler Marschrichtung. In Sorge, wir könnten sonst gleich da bleiben, wurden wir schleunigst bedient und mit Glückwünschen auf Unterdrückungstour geschickt.
Fundstück der Woche: das Dresden 1945 Denkmal in Spanien

Nachdem wir etwa 30 Sekunden später die luxemburgischen Lande hinter uns gelassen hatten, mussten wir zunächst durch Feindesland. Nur der Franzose stand nun noch zwischen uns und der iberischen Halbinsel, die es zu unterjochen galt. Glück für uns, dass der Franzmann durch die lasche Außenpolitik  Berlins unvorsichtig geworden ist und die Grenzen nicht scharf bewacht wurden. Sogleich ging es auf Landstraßen durchs Hinterland. Eigentlich war Verdunkelung befohlen doch da man in Frankreich seinen Strom wohl aus Japan bezieht und daher derzeit unter Lieferengpässen zu leiden hat, konnte man ohne aktivierte Scheinwerfer nicht mal mehr die Hand vor Augen sehen. Egal! Im Zweifelsfalle hätten wir uns bis zur Grenze durchgeballert.

Dass der Alemanne gerne mal in Uniform zu Besuch kommt, ist für die Franzosen ja nichts Neues. Schwierigkeiten bereitete es jedes Mal nur, uns wieder los zu werden. Aber wer kennt das Problem nicht auch von Familienfeiern daheim?!
Über Jahrzehnte hat man in Frankreich daher ein raffiniertes System entwickelt, um uns den Aufenthalt so unangenhem als möglich zu gestalten. Alle paar hundert Meter lauerten Blitzer darauf uns bei der geringsten Geschwindigkeitsübertretung festzuhalten - quasi des Franzosen eigenwillige Interpretation des Blitzkrieges.
Erschwerend kam noch hinzu, dass unmenschliche 90 Stundenkilometer auf den Landstraßen der Grande Nation idR die Höchstgeschwindigkeit darstellen und den Wandergermanen am Nutzen der automobilen Freiheit zu hindern. Hallooooo! Nicht jeder auf der Welt baut Autos, die keine Power haben! Aber gut - eigentlich wollte ich nur durchfahren - aber dafür komm ich auf Ketten wieder! Frankreich, du stehst nun auch auf meiner Liste!
Langsam bekomme ich eine Ahnung davon, warum es die Deutschen in den Vierzigern hier nicht länger ausgehalten haben. Welch ungastliche Lande...
Granada bei Nacht

Ehrlich gesagt waren wir für die Autobahn viel zu geizig und aus diesem Grund auf den mautfreien Landstraßen unterwegs. Es galt unser knapp kalkulietes Budget zu schonen. Unser Colonel stammt aus dem Schwabenländle und ist somit ein Quell geldschonender Ideen - auch wenn diese dabei gelegentlich an den Nerven zehren.
Nur quälend langsam kamen wir voran, krochen geradezu von Dorf zu Dorf. Bei Sonnenaufgang waren wir erst kurz hinter Lyon bei Vienne, das eine dichte Suppe für uns bereit hielt. Ob es schlicht Nebel war oder die unglaublichen Mengen an Smog aus den Fabrikschloten der Umgebung, lässt sich wahrscheinlich nur durch eine genaue chemische Analyse sagen, aber ich wollte es lieber nicht darauf ankommen lassen und hielt die Fenster geschlossen. Nur weg von hier!

Um Kampfbereitschaft aufrecht erhalten zu können, wechselten wir uns mit Schlafen und Fahren ab. An einer Tankstelle von Citroen war es mal wieder soweit. Der Mitsubishi-Urlaubspanzer musste nachgetankt werden. Natürlich funktionierte erstmal keine Zapfsäule. Der freundliche Tankwart - optisch eine Mischung aus Luis de Funes und Fips Asmussen - bastelte sogleich an der Platine (!!!!) IN der Zapfsäule herum, um sie wieder gangbar zu machen. Keine Chance! Wir mussten also auf teureren Super-Sprit umsteigen. Hauptsache kein E10. Solch minderwertigen Dreck dreht man uns ja nur in der Heimat an.
Teils waren fette Sprays in den Innenstädten zu sehen.

Für die nächsten vier Stunden und 200 Kilometer (!) war ich mit Fahren dran, während der Colonel seelig ratzend von gestürzten Regierungen, Plündern und Brandschatzen träumte und gefühlte drei Millionen Kreisel verpasste. Während sich die Landschaft im Süden Frankreichs immer schöner gestaltete, sorgte die verkreiselte Verkehrsführung bei mir für Brechreiz. Wer hat diese Kreiselscheisse eigentlich verbrochen? Gibts dafür eine eigene Mafia? Die Cycladen oder sowas?! Auf jeden Fall sollte dafür jemand in Den Haag grade stehen müssen!
Der Gedanke diesen Krampf auf dem Rückweg nochmal durchmachen zu müssen, ließ mich Seppuku in Betracht ziehen. Doch halt! An rituellen Selbstmord sollte ich erst denken, wenn die Operation >> Rock ´n Roll Evacuation << in Spanien scheitern sollte.

Nach Montpellier ging es glücklicherweise wieder flotter voran. Es war bereits nach Mittag und wir hatten noch eine weite Strecke vor uns. Auf Höhe von Narbonne war wieder Fahrerwechsel angesagt. Carcassone wäre bestimmt einen Besuch wert gewesen, ließen wir aber mangels Zeit links liegen, ebenso Andorra.
Mal eine Frage am Rande: kann man eine geographische Region wirklich als souveränen Staat ansehen, wenn der Name des Landes auf der Karte nicht mal innerhalb der eigenen Grenzen passt und daher auf französischen Gebiet angepriesen wird?

Hinter Perpignan ging es zügig Richtung Grenze. In uns keimte die bange Frage auf, ob unser Stoßtrupp überhaupt unbemerkt nach Spanien würde einmarschieren können. Dann die Überraschung:
Auch die Spanier lassen ihre Grenze sorglos unbeobachtet. Wir haben leichtes Spiel und rasen ohne an Geschwindigkeit zu verlieren weiter. Lediglich zum Tanken und Vorräte auffrischen hielten wir noch an. Es war bereits Abend und wir waren nicht einmal in Barcelona!
Apropos Tanken: Wir erwischten natürlich ausgerechnet die einzige Tanke in der Gegend, in der man nicht einfach nach Gutdünken den Zapfhahn zücken und erwarten konnte, dass das Teil bei gezogenem Hebel Sprit an den Stutzen übergeben würde. Es passierte nämlich erstmal garnichts. Zudem gab es keine Beschreibung an den Geräten. Auf Nachfrage in der Tankstelle dann die doofe Auflösung: hier muss man zuerst bezahlen und kann erst dann zapfen!
Wie bescheuert ist DAS denn!? ICH KANN SO NICHT ARBEITEN!

Zudem plagte uns seit der Grenzüberschreitung das Navi mit schlechtem Kartenmaterial. Straßen fehlen, werden an anderer Stelle angezeigt, man lotst uns auf Buckelpisten usw. Das haben die Spanier beschimmt mit Absicht so in die offiziellen Karten eingebaut! Zusammen mit der Übermüdung und dem zehrenden Verkehr, mischte sich Paranoia ins Hirn und verseuchte dessen Windungen mit Verschwörungsphobien. Es wurde langsam Zeit für ein Bier. Und da waren wir noch lange nicht in Valencia, wo wir uns einer aus Trier organisierten Schläferzelle anschließen wollten.
Das Zahnrad - unser Talisman auf der Reise

>>Scheiss auf die Maut, wir nehmen die verdammte Autobahn!<<
Ich mag Barcelona, aber warum mich das Navi mitten durch den Stadtverkehr leitet, ist mir ein Rätsel. SCHIEBUNG!
Endlich fanden wir einen Weg aus der Metropole und steuerten nun Valencia an. Das letzte Teilstück zog sich jedoch. Colonel Micha schlief, ich war mit mir, der Nacht, der Musik und dem Sekundenschlaf alleine. Keine Ahnung, wie wir ohne einen Unfall zu bauen lebend und ohne Verlust der Tarnung ankommen konnten, aber wir schafften es.

Endlich: Valencia! Es war mittlerweile nach Mitternacht und wir suchten verzweifelt einen Parkplatz. Doch die Eingeborenen parkten allerorts bereits in zweiter Reihe - und das auf der Hauptstraße!!! Ach du liebes Lieschen! Nach zwanzig Minuten kann uns Money - unser Kontaktmann vor Ort - einen Platz zuweisen und wir verließen endgültig unser Auto.


Endlich da! Endlich mit Bier die Kehle befeuchten! Endlich, nach 25 Stunden Fahrt und über 1600 Kilometern Zeit für Entspannung! Ehrlich gesagt... nach der Tour brauchte ich erstmal Urlaub. Dem Colonel ging es ähnlich und so verschoben wir nach dem sechsten Bier vorerst unsere Eroberungspläne.
Sollen sich doch andere den Stress machen. Kein Bock mehr!
Salut!"


PS: Nun sind wir wieder daheim und haben innerhalb von 12 Tagen etwa 4600 km auf der Straße verbracht. Trotz allem Stress: Spanien ist ein schönes Land. Das nächste Mal komm ich aber lieber wieder mit dem Flieger.
Vielen Dank auch an unsere lieben Freunde aus Valencia, bei denen wir als Mietnomaden einige Tage einkehren durften. Ihr seid spitze!

Kommentare:

  1. Boah, da hätt ich echt kein Nerv für gehabt. Aber Hauptsache ihr habt Spaß gehabt.

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  2. manchmal muss man halt dann doch einfach durch halten. ^^
    Das nächste mal nehm ich aber mehr Bücher mit. ^^

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